28/05/2026
Manche Fotos zeigen erst auf den zweiten Blick Überraschendes:
Der Fotograf stand um 1911 in der Brückenstraße und blickte mit der Kamera vorbei am Hotel "Disch" auf St. Kolumba. Dabei fotografierte er auf der rechten Straßenseite im unteren Bereich des hervorstehenden Erkers ein Schild mit der Aufschrift "Vegetarisches Reform-Restaurant". Das ist überraschend. Wenn wir mit einer Reisegruppe das historische Köln um das Jahr 1911 besichtigen würden, wäre es zur Mittagszeit kein Problem, wenn einige Reisegruppenmitglieder Vegetarier wären. Sie würden hier in der Brückenstraße Nr. 12 passend bewirtet.
Und nicht nur hier. Man könnte auch in das vegetarische Restaurant und Cafe "Aryana" am Hohenzollernring 29 (Quellennachweis für 1914), das alkoholfreie und vegetarische Restaurant am Cäcilienkloster 5 (Quellennachweis für 1907), das vegetarische Restaurant am Neumarkt 5 (Quellennachweis für 1912), das vegetarische Speiserestaurant und Cafe Am Hof 48 (Quellennachweis für 1908) oder das vegetarische Restaurant "Bomona" in der Breite Straße (Quellennachweis für 1928) gehen.
Es gab in Köln in der Zeit von 1907 bis 1928 mindestens 6 vegetarische Restaurants, die wir in nach kurzer Recherche nachweisen konnten. Erstaunlich.
Bereits Ende des 19. Jahrhunderts begannen Reformbewegungen in ganz unterschiedlicher Weise das Leben der Menschen mit neu gedachten Ansätzen zu verbessern. Sei es mit frischer Luft, FKK, Gymnastik, Tanz, Kunst, … und eben auch mit der Ernährung. So gut wie alle uns heute bekannten Ernährungsdiversitäten bildeten sich damals heraus und wurden von den jeweiligen Bewegungen an die Frau, den Mann und das Kind gebracht. Vieles von dem was uns heute vorzugsweise in sozialen Medien als neue Erkenntnis und Heilsversprechen zumeist teuer und mit einem mehr oder minder großen Häubchen Esoterik verkauft wird, lässt sich bereits in der Literatur der Lebensreformbewegungen des 19. Jahrhunderts kostenlos nachlesen. So wundert es nicht, dass es in Köln zu dieser Zeit vegetarische Restaurants gab.
Genauso wenig neu ist der Streit der jeweiligen Ernährungswissenschaftler, der selbsternannten Gelehrten und der ernährungsmissionarisch Berufenen über den wahren Weg der Ernährung. Viele Menschen der einen und anderen Seite wollten damals bereits die andere Seite meist penetrant belehren. So schrieb der Akademiker Dr. med. Norbert Grabowsky unter dem Titel "Die Widersinnigkeit und Schädlichkeit des Vegetarismus" im Jahr 1902 einen Leitfaden, um von der vegetarischen Reform hinweg zur wahren Menschheitsreform zu gelangen. Kapitel eins beginnt er mit den Sätzen:" Wenn ich in den nachfolgenden Blättern scharf gegen den Vegetarismus auftrete, so geschieht es, nicht um lediglich zu tadeln, sondern um zu bessern. Ich habe erkannt, wie wertlos der Vegetarismus ist, hinsichtlich der höchsten Ziele der Menschheit". Das klingt bis auf das elysische Pathos fast wie heutige "Argumente", die die eine und die andere Seite immer noch austauschen.
Viele Kölnerinnen und Kölnern wissen schon seit sie die rheinisch philosophische Erkenntnis "Jede Jeck is anders" konstatiert haben, das jeder so ist, wie er ist und jeder so isst, wie er isst …
[KH]
Foto: Fotograf unbekannt, Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_061911, Archivlink: https://www.kulturelles-erbe-koeln.de/documents/obj/05217017
Recherche, Fotorestaurierung und Kolorierung: Klaus Hausmann, WEGEN de LEUT media