18/08/2026
vor 100 Jahren, am 18. August 1926, wurde in Warschau die Übersetzerin und Autorin Janina Bauman als Janina Lewinson geboren. Izabela Wagner, die Soziologin, die die umfassende Biografie über Janinas späteren Ehemann, Zygmunt Bauman, geschrieben hat, sagte über diesen, dass er für sie zunächst nur der Ehemann der wundervollen Schriftstellerin Janina Bauman war.
Janinas Vater, ein angesehener Arzt, wurde 1939 als Offizier der polnischen Armee mobilisiert, geriet in sowjetische Gefangenschaft und wurde von der Roten Armee in Katyń ermordet. Janina überlebte als Jugendliche den Holocaust, zunächst im Warschauer Ghetto, später in Verstecken auf der sogenannten „arischen“ Seite. Im Warschauer Ghetto begann sie, Tagebuch zu schreiben. Viele Jahrzehnte später, bereits in Großbritannien, veröffentlichte sie darauf basierend ihr erstes autobiographisches Buch: „Winter in the Morning. A young Girl’s Life in the Warsaw Ghetto and beyond” (1986), auf Deutsch: „Als Mädchen im Warschauer Ghetto. Ein Überlebensbericht.” Auf unserem Gedenkkonzert am 19. April in Berlin haben wir Auszüge daraus gelesen.
Ihre zweite autobiografische Publikation folgte zwei Jahre später: 1988 veröffentlichte Janina Bauman “A Dream of Belonging. My Years in Post-War Poland”. Darin beschreibt sie, wie sie nach dem Krieg, während ihres Studiums an der Universität Warschau, Zygmunt Bauman kennenlernte. Sie heirateten und bekamen drei Töchter: Anna, Irena und Lydia. Janina arbeitete als Übersetzerin und Drehbuchredakteurin beim Staatsunternehmen Film Polski, Zygmunt zunächst als politischer Beamter im Ministerium für öffentliche Sicherheit. Er wurde 1953 wegen angeblicher »zionistischer Aktivitäten« seines Vaters entlassen.
„A Dream of Belonging“ ist ein vielschichtiges Porträt der polnischen Nachkriegsgesellschaft, ein Einblick in die Komplexität jüdisch-polnischer Beziehungen sowie die Fragilität jüdischen Lebens in der Nachkriegszeit, den psychischen und physischen Folgen des Überlebens im Ghetto und im Versteck. Gleichzeitig zeigt das Buch die Verführungskraft des neuen Systems durch Alltag, Bildung und Aufstiegschancen, die Anziehung, die vom Kommunismus wegen und zugleich trotz der Schrecken der deutschen Besatzung und des Holocaust ausging, sowie die Sollbruchstellen zwischen Utopie und Realität.
Zwischen fast jeder Zeile steht die große Frage: Gehen oder Bleiben? – nicht erst, aber vor allem seit der massiven antiisraelischen Propaganda im Zuge des Sechs-Tage-Kriegs und der antisemitischen Kampagne im März 1968. Bereits im Januar 1968 trat Janina Bauman, wie Zygmunt, aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei aus. Im Zuge der antisemitischen Kampagne der polnischen Regierung im März 1968 wurde sie entlassen. Da auch Zygmunt seine Anstellung an der Warschauer Universität verlor, sah sich die Familie gezwungen, nach Israel auszureisen. Zunächst lebten sie in Tel Aviv. Mit der Berufung Zygmunt Baumans an die Universität Leeds 1971 zog die Familie nach Großbritannien. Hier arbeitete Janina zunächst als Bibliothekarin, nach ihrem Ruhestand als Autorin.