21/06/2026
Stefan Zehetner Autor hat einen Grabstein in unserem Lapidarium besucht und hat ein paar spannende Details dazu zusammengetragen!
Kennt ihr unser Lapidarium schon? Dort sind insgesamt 12 Grabsteine der römischen Gräberstraße zu sehen! 😊
Auch das Auxiliarkastell von Carnuntum versorgt uns mit römischen Inschriften in einem eigenen Lapidarium des Museums Auxiliarkastell Petronell-Carnuntum.
Die vorliegende Grabstele aus Kalkstein wurde 1988 an der Gräberstraße südlich des Auxiliarkastells gefunden. Sie trägt ein gerahmtes Schriftfeld mit darüber liegendem Giebel, in welchem sich eine Blattrosette befindet. Das Hauptbild darunter zeigt eingetieft einen Kranz mit Tänien und Clipeus.
Die Inschrift, welche unter AE 2002, 1155 publiziert ist, lautet:
C(aius) Iulius Ru/fus missi/cius leg(ionis) XV / Apol(linaris) h(ic) s(itus) e(st) / L(ucius) Atilius Va/lens opt(io) p(osuit)
Hier liegt Gaius Iulius Rufus, ein aus dem Dienst entlassener Soldat der 15. Legion Apollinaris. Der Optio Lucius Atilius Valens hat es aufgestellt.
In der Inschrift, die in trajanische Zeit, zwischen 100 und 117 n. Chr. datiert wird, befindet sich eine interessante Bezeichnung. Missicius, welches bedeutet, dass es sich bei dem Soldaten um einen aus dem Dienst entlassenen Mann handelt. Eine Bezeichnung dieser Art auf Inschriften ist selten, aber doch nachweisbar. Die Epigraphische Datenbank Clauss-Slaby verweist auf 43 Ergebnisse, wobei, vor allem in Noricum, die Bezeichnung gelegentlich auch als cognomen vorkommt.
Um die genaue Bedeutung zu verstehen, müssen wir uns zunächst ansehen, wie ein römischer Soldat aus dem aktiven Dienst entlassen werden konnte. Dafür gab es drei Möglichkeiten.
Die honesta missio, oder ehrenhafte Entlassung ist die häufigste Form und meint eine Entlassung zum regulären Dienstende, was für einen Legionär nach 20 Jahren erfolgte. Ein Auxiliarsoldat hatte 25 Jahre, ein Marinesoldat 26 Jahre zu dienen.
Ein Veteran mit honesta missio erhielt alle Privilegien eines ehemaligen Soldaten. Zum Restbetrag seines Depositum, welches ihm ausgezahlt wurde, erhielt er am Beginn der Kaiserzeit noch ein Landstück, auf welchem er sich eine Existenz aufbauen konnte. Im Laufe der Kaiserzeit erhielten Soldaten normalerweise einen Geldbetrag, welcher dem Wert eines Landstücks entsprach. Forschende gehen heute davon aus, dass der Betrag um die 12.000 Sesterzen betrug. Gewisse Soldaten, vor allem jene, die bereits in der Armee als immunes gedient hatten, und ihre Fähigkeiten der Allgemeinheit weiter zur Verfügung stellten, beispielsweise als Ärzte, erhielten sogar eine Befreiung von gewissen Steuern.
Ein Auxiliarsoldat erhielt mit seiner honesta missio zudem das römische Bürgerrecht für sich und seine Familie, welches ihm mit einem Militärdiplom bestätigt wurde.
Die missio causaria war eine Entlassung aus dem Dienst aufgrund gesundheitlicher Probleme. Wurde ein Soldat bei einem Kampfeinsatz so schwer verwundet, dass er seinen Dienst nicht länger ausüben konnte, erhielt er die missio causaria. Ebenso verhielt es sich bei einer Verletzung, die sich der Soldat im Dienst zuzog, und welche ihm ein Weiterdienen in der Armee unmöglich machte. Auch so manche Krankheiten konnten zur missio causaria führen, wenn sie den regulären Dienst behinderten. Beispielsweise Augenkrankheiten, welche dem Soldaten die Sicht einschränkten. Auf der Vindolanda Tafel Tab.Vindol. 154 wird der Statusbericht der Cohors I Tungrorum dargelegt. Von den gesamt 752 Soldaten sind zu jenem Zeitpunkt 456 an andere Orte abkommandiert. Von den 296 im Lager verbliebenen werden 31 als dienstuntauglich eingestuft, die sich in 15 kranke, sechs verwundete und zehn Soldaten mit Augenentzündung aufteilen.
Soldaten, die aufgrund einer missio causaria die Armee verlassen mussten, erhielten dennoch gewisse Privilegien eines Veteranen. So erhielten Auxiliarsoldaten dennoch das Bürgerrecht und der Status eines Veteranen wurde ebenfalls verliehen. Dafür musste allerdings ein medizinischer Nachweis eines Militärarztes erbracht werden.
Die missio ignominiosa oder unehrenhafte Entlassung gehört zu den schlimmsten Formen. Sie wurde in Fällen von schwerem Fehlverhalten ausgesprochen. Dazu zählten Diebstahl, Betrug, Befehlsverweigerung, Feigheit vor dem Feind, Verrat, Fahnenflucht und Verstöße gegen das römische Militärrecht. Ein Soldat, der aufgrund missio ignominiosa entlassen wurde, verlor damit jedwedes Anrecht auf eine Abfindung und jegliche Privilegien eines Veteranen. Es konnte auch zu einem gesellschaftlichen Abstieg führen.
Wie ist nun die Bezeichnung missicius in den inschriftlichen Quellen zu deuten?
Da die Bezeichnung beispielsweise auf Grabsteinen, wie auch jenem des C. Iulius Rufus, verzeichnet ist, ist davon auszugehen, dass sie mit einer honesta missio gleichzusetzen ist. Manche Forschende, darunter beispielsweise M. A. Speidel, gehen davon aus, dass es eine Übergangsphase vom miles zum veteranus gab, der sich im Begriff missicius ausdrückte. Ein missicius konnte demnach ein Soldat sein, der zur ehrenhaften Entlassung vorgesehen war, diese aber noch nicht offiziell erhalten hatte. Eventuell konnte dieser Übergang mit einer Beurlaubung oder Freistellung des Soldaten einhergehen.
Im weitesten Sinne konnte der Begriff missicius auch als Synonym zu veteranus aufgefasst werden.
Inwieweit man einen Reservisten mit dieser Bezeichnung gleichsetzen kann, ist schwer zu sagen. Seit der Zeit der Kaiser Augustus und Tiberius genießen vor allem Legionäre das Privileg, nur 16 ihrer gesamt 20 Dienstjahre als Soldat zu absolvieren, die restlichen vier Jahre gelten sie als sub vexillo, womit gewisse Erleichterungen einhergehen. Ein Soldat in dieser Funktion musste nicht mehr in den Kampfeinsatz gehen oder Abkommandierungen auf sich nehmen. Er verblieb am Stammsitz seiner Legion und führte dort weiterhin die Funktionen eines normalen Soldaten aus. Ob dies aber auch noch für die Zeit Traians gilt, in welche die vorliegende Inschrift datiert, muss ebenso offen bleiben.
Fest steht, C. Iulius Rufus erhielt ein ehrenvolles Grab, das sogar von einem Optio der Legion aufgestellt wurde. Beides verweist auf eine ehrenhafte Dienstzeit und eine ebensolche Entlassung. Vielleicht verstarb Rufus exakt in der beschriebenen Übergangsphase. Wie lange die Dienstzeit tatsächlich gedauert hat, diese Auskunft bleibt uns Rufus schuldig, wodurch wir lediglich spekulieren könnten, was aber in der Wissenschaft nicht getan werden soll.
Museum Auxiliarkastell Petronell-Carnuntum, , , ,