19/09/2026
Zwischen Himmel und Erde - Zwischen Erlösung und Verdammnis
Flügel gehören zu den ältesten und vieldeutigsten Bildzeichen der Kunstgeschichte. Seit der Antike begegnen sie uns als Zeichen des Göttlichen, des Sieges, der Liebe und der Überwindung des Irdischen. Sie verleihen ihren Trägern die Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten: zwischen Erde und Himmel, zwischen Körper und Geist, zwischen Leben und Tod.
Doch Flügel erzählen nicht ausschließlich von Erhebung und Erlösung. Sie können ebenso den Sturz bedeuten. Bei Ikarus werden sie zum Sinnbild menschlicher Hybris, beim gefallenen Engel zum Zeichen einer verlorenen Nähe zum Himmel. Das Wesen trägt noch immer die Flügel – und ist doch aus dem Himmel gefallen. Gerade in diesem Widerspruch liegt ihre besondere Kraft.
Flügel sind damit Zeichen eines Dazwischen. Sie verweisen auf eine Welt, die über das Sichtbare hinausweist, und zugleich auf die Zerbrechlichkeit des Menschen. Sie können Schutz und Bedrohung, Freiheit und Gefangenschaft, Liebe und Verführung, Macht und Ohnmacht zugleich in sich tragen.
In diesem Spannungsfeld begegnen sich Licht und Finsternis, Gut und Böse, Verdammnis und Erlösung. Der Engel und sein Gegenbild sind dabei vielleicht weniger Gegensätze als zwei Seiten derselben Vorstellung: das Streben des Menschen nach dem Höheren und die ständige Möglichkeit des Falls.
Die Flügel in diesen Arbeiten sind deshalb nicht nur Attribute einer Figur. Sie werden selbst zu Trägern einer Frage: Wohin führt der Aufstieg – und was geschieht, wenn man fällt?
Vielleicht liegt ihre stärkste Bedeutung genau darin, dass sie uns an eine Grenze führen, an der sich diese Gegensätze nicht mehr eindeutig voneinander trennen lassen. Dort beginnt der Raum zwischen den Welten – ein Raum des Übergangs, der Verwandlung und der Möglichkeit.
Ein Raum, in dem Verdammnis und Erlösung, Dunkelheit und Licht, Mensch und Engel einander begegnen.