06/12/2023
330 Jahre Pfälzer Erbfolgekrieg
Eine Erinnerung an die Zerstörung Beilsteins im Jahr 1693 von Oliver Kämpf
Die neuzeitliche Geschichte Beilsteins ist ein Auf und Ab. Die Rückschläge für die Stadt unter der nahezu 1000 Jahre alten Burg waren durch Kriege, Krankheiten und Missernten geprägt. Das siebzehnte Jahrhundert brachte mehrmals besonderen Schrecken für Beilstein. Zunächst war es der sogenannte Dreißigjährige Krieg, der großes Unheil über die Bottwartalstadt brachte. Am Ende dieses epochalen drei Jahrzehnte dauernden Krieg wohnten von zuvor 800 Einwohnern nur noch 100 Seelen in der Stadt unter dem Langhans. In der Folgezeit gelang der Bevölkerung der Wiederaufbau. Waren 1641 nur noch 39 Häuser in der Stadt bewohnbar, wurden im Jahr 1655 wieder 117 Häuser gezählt, in denen die Einwohner leben konnten.
In der kleinen Stadt war der Weinbau der zentrale Wirtschaftszweig. Nicht nur der Anbau und die Kelterung, sondern auch die notwendigen Handwerke hatten sich etabliert. Es gab neben den Wengertern auch Daubenmacher, Schmiede, Küfner, Wagner, Brenner und den Handel, der wichtiges Element für die Produktion und den Vertrieb von Erzeugnissen ist. Der prächtige Keller des 1597 – 1599 erbauten Rathauses wurde als Weinlager verwendet. In künstlichen Seen wurden die Fässer gewässert. In den Schmieden wurden Fassreifen und Arbeitsgeräte geschmiedet. Vor dem Rathaus wurden Märkte abgehalten. Prächtige Stadttürme und Mauern schützen die kleine Stadt.
Der mühsame Alltag nach dem Westfälischer Frieden war jedoch nicht von der weltpolitischen Lage ungefährdet. Seit dem Jahr 1685 gab es in Europa wieder Krieg, der auch den deutschen Südwesten betraf. Der französische König Ludwig XIV. beanspruchte das pfälzische Erbe für seinen Bruder Philipp, den Herzog von Orleans. Ludwig griff Gebiete im Westen des Heiligen Römischen Reichs an und konnte Frankreich im Rahmen der sogenannten „Reunion“ Teile des Elsasses, Luxemburgs, der Pfalz und an der Saar eingegliedert. Im September 1688 rückte das französische Heer mit ca. 40.000 Mann ohne Kriegserklärung in die Pfalz ein. Als daraufhin kursächsische Truppen die Franzosen aus Neckartal und Odenwald zurückdrängen konnten, beschloss der französische Kriegsrat das Aufmarschgebiet für die vorrückenden Reichsarmeen unbrauchbar zu machen: Unter der Parole „Brûlez le Patinat!” (Verbrennt die Pfalz!) legten Soldaten Ludwigs XIV. fast alle festen Orte, Burgen und Schlösser planmäßig in Schutt und Asche.
Jeder kennt die Ruine von Heidelberg, die Zeugnis der Verwüstung vom 26. September 1693 ist, als die französischen Truppen das Heidelberger Schloss sprengten. Dass die Brandzeichen an der Decke des Rathauskellergewölbes ebenso Zeugen des Pfälzer-Erbfolgekrieges (im Volksmund „Franzosenbrand“ genannten) sind, gerät in Vergessenheit.
Als zuvor im Juli 1693 die französischen Truppen über den Neckar setzen, haben sie auch Beilstein verwüstet. Nach Zeitzeugenschilderungen steckten sie am 21. Juli 1693 das Städtchen „an allen vier Ecken“ in Brand. Wirtschaftliche Schwächung der Feinde und Rache für Angriffe der Reichsarmee auf marodierende Soldaten waren nach Überlieferungen das Motiv. Die Fässer in der Kelter wurden verbrannt, das Rathaus angezündet, der Amtshof, 105 Bürgerhäuser und 30 Scheuern in Asche gelegt. Ein Glück, dass neben der St. Anna-Kirche, die Magdalenenkirche, das Pfarrhaus und weitere 15 Häuser den Überfall und das Brandschatzen überstanden. Dennoch waren bei den nicht abgebrannten Häusern oftmals die Fenster zerbrochen, die Kirchenorgeln verwüstet, die Glocken geraubt und Schmuck und Zier an den Häusern zerschlagen.
Dieser Tag vor 330 Jahren im Juli 1693 brachte großes Unheil mit sich. Fast alle Unterlagen vor der Zeit verbrannten im Rathaus. Die Weinchronik, die Zeugnisse und Verträge vor dem Datum waren verloren. Die Menschen in der Langhansstadt standen zum zweiten Mal innerhalb von 50 Jahren vor dem Nichts. Dennoch war der Überlebenstrieb und die schlichte Not zu überleben Triebfedern für einen schnellen Aufbau. Noch vor dem Rathaus wurde die Weinindustrie wieder aufgebaut. Eine neue Kelter entstand bereits 1698. Die Schmiedebetriebe wurden unmittelbar nach dem Abbrennen wieder aufgebaut und zwischen der Ruine des Rathauses und der Schmiede am Marktplatz wurde ein Neubau errichtet, der das Amtsarchiv mit extra festen Wänden und Feuersicherer Eisentür sicherte. Die Beilsteiner rafften sich nach der Zerstörung auf und schafften bescheidenen Wohlstand, Wachstum und sichere Verhältnisse innerhalb der Stadtmauern.
Eine neue Zäsur kam dann 250 Jahre später, als am 16. April 1945 amerikanische Thunderbolt Bomber im Endkampf des Zweiten Weltkrieges die Innenstadt Beilsteins zur Hälfte in Schutt und Asche legten.
Die Jahrestage und Jubiläen geben Anlass an die Opfer, das Unglück und die Gründe für Krieg und Zerstörung zu denken. So wie wir uns über die Demokratie, Völkerverständigung und Erfolge freuen, müssen wir Menschen immer wieder vergegenwärtigen, dass es an uns liegt, wie sich das Schicksal fügt. Im kommenden Jahre feiern wir 40 Jahre Städtefreundschaft mit unserer französischen Partnerstadt Pontault-Combault. Krieg und Schrecken liegen hinter uns. Mit der Völkerverständigung und dem vereinte Europa wurden die Grenzen überwunden, damit die Barbarei der Vergangenheit nicht mehr zurück kehren kann.