28/04/2026
Das heute als „Toteninsel“ bekannte Gemälde wurde erstmals 1880 von Arnold Böcklin geschaffen. Der erste Auftraggeber war der Mäzen Alexander Günther. Kurz darauf sah die Schweizer Sammlerin und Förderin des Künstlers, Marie Berna, das Bild in Böcklins Atelier in Florenz und bestellte eine eigene Version, die der Künstler ausführte.
Drei Jahre später beauftragte der Kunsthändler Фриц Гурлитт eine weitere Fassung. Es wird angenommen, dass именно er den Titel „Toteninsel“ prägte, Böcklin selbst hat diesen Namen vermutlich nicht verwendet.
Gurlitt erwies sich nicht nur als Auftraggeber, sondern auch als geschickter Verbreiter des Motivs. Er ließ von Макс Клингер eine Radierung nach dem Gemälde anfertigen, die anschließend in großen Auflagen verbreitet wurde. Klinger überarbeitete die Druckplatte mehrfach, sodass mehrere Varianten der Auflage entstanden. Um 1900 erfreuten sich diese Blätter enormer Popularität in Deutschland und darüber hinaus, Reproduktionen fanden sich in zahlreichen bürgerlichen Haushalten.
Die vierte Version malte Böcklin 1883 für den Sammler Heinrich Tiessen. Dieses Werk ging in den 1940er Jahren verloren und ist heute nur noch durch Fotografien dokumentiert. Die fünfte Fassung befindet sich im Kunstmuseum in Leipzig. Eine weitere Version wurde 1901 nach dem Tod des Künstlers von seinem Sohn, Карло Бёклин, vollendet und befindet sich heute in der Hermitage.
Mehr als ein Jahrhundert später erfährt dieses Motiv eine unerwartete Fortsetzung im Werk von Андреас Гайсель.
1995 wurde am Berliner Ensemble das Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941) von Berthold Brecht inszeniert. Trotz der scheinbaren Verortung in Chicago ist das Stück eine scharfe Satire auf die politischen Entwicklungen im Deutschland der 1930er Jahre und den Aufstieg Hitlers.
Als Bühnenbildner schuf Geißel für diese Inszenierung ein monumentales Bühnenbild — eine Art Variation der „Toteninsel“. Seine Interpretation wich jedoch deutlich vom Original ab: Die Felsen nahmen körperhafte, beinahe anthropomorphe Formen an und erinnerten eher an „Der Ursprung der Welt“ von Гюстав Курбе als an die metaphysische Strenge Böcklins. Mit einer Größe von etwa 6 × 8 Metern bestimmte dieses Bild den gesamten Bühnenraum. Aufgrund der begrenzten technischen Qualität damaliger Aufzeichnungen ist es heute kaum noch erkennbar, doch es hat existiert.
Viele Jahre später, im Zuge der Arbeit an einem Buch, kehrte Geißel zu diesem Motiv zurück. In den 2020er Jahren entstand ein neues Gemälde, in dem sich das Motiv der Insel transformiert: weiß-rosafarbene Felsen, ein offenerer, lichtdurchfluteter Raum ohne die abgründige Schwere Böcklins.
Genau dieses Werk zeige ich derzeit in der Ausstellung Palimpsest. Und es ist noch verfügbar.
Solche Portale eröffnet die Kunst und manchmal besteht die Möglichkeit, sie in die eigene Sammlung zu überführen.