21/05/2026
Gustaw Herling-Grudziński: Gulag-Überlebender, großer Schriftsteller und Chronist des Totalitarismus
Gestern wäre Gustaw Herling-Grudziński 107 Jahre alt geworden. Viele seiner Beobachtungen über den Alltag im sowjetischen Gulag könnten ebenso gut aus den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine stammen. Seine großen Werke über das Lagersystem und den Totalitarismus der Sowjetunion sind deshalb leider nicht bloß historische Literatur geblieben. Sein Leben als Anders-Soldat, Gulag-Häftling und Mitbegründer der Zeitschrift Kultura hilft, die Geschichte Polens im 20. Jahrhundert besser zu verstehen – und ebenso vieles an der Gegenwart. Doch auch stilistisch und ästhetisch genügt sein Werk höchsten Ansprüchen.
Eine „Andere Welt“ oder eine „Welt ohne Erbarmen“?
„Welt ohne Erbarmen“ – so lautet der deutsche Titel von Inny Świat, dem klassischen Lagerbericht Herling-Grudzińskis, der 1953 in Deutschland erschien. Wörtlich übersetzt hätte der Titel „Andere Welt“ geheißen. Rasch wurde das Buch zu einem internationalen Erfolg und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Es fand schnell Eingang in den Kanon der Lagerliteratur und erschien in der englischen Erstausgabe mit einem Vorwort von Bertrand Russell.
„Sowohl die Kommunisten als auch die Nationalsozialisten haben auf tragische Weise gezeigt, dass in einem großen Teil der Menschheit ein Impuls zur Grausamkeit existiert, der nur auf eine Gelegenheit wartet, um sich in seiner ganzen nackten Abscheulichkeit zu entfalten“ – so Russells Fazit über das Buch.
Herling-Grudzińskis Werk, das laut Albert Camus „in allen Ländern veröffentlicht und gelesen werden sollte – um seiner selbst willen und um all dessen, was es enthüllt“, zeichnet sich durch eine deskriptiv-kühle Objektivität aus. Es dokumentiert den Lageralltag, die erbarmungslosen Hierarchien unter den Insassen und die infolge von Mangelernährung auftretenden Krankheiten wie Nachtblindheit. Der Autor schildert die ganze Bandbreite zwischenmenschlicher Beziehungen im Gulag: Manche kämpften darum, das Menschliche in sich und anderen zu bewahren – andere waren dazu längst nicht mehr in der Lage oder um es mit Herling-Grudzińskis Worten zu sagen: „Der Mensch bleibt nur so lange menschlich, wie man ihn menschlich leben lässt“.
Dreifache Rezeption
Die internationale Rezeption des Buches verlief in drei Phasen:
Zunächst fand allein die Tatsache Anerkennung, dass die sowjetische Lagerrealität überhaupt beschrieben und dokumentiert wurde. Danach würdigte man die komplexe psychologische Analyse Herling-Grudzińskis – er zeigte, was Totalitarismus und Lageralltag mit dem Menschen machen. Schließlich fand das Werk auch literarische Anerkennung – unter anderem für seine zahlreichen Anspielungen auf Autoren wie Dante, Remarque oder den polnischen Schriftsteller Stefan Żeromski.
Ein Leben zwischen Widerstand, Literatur und Exil
Diese Vielschichtigkeit verdankt sich nicht nur Herling-Grudzińskis Schreibkunst, sondern auch seinem Lebensweg. Dieser war geprägt von politischem Widerstand, militärischem Einsatz und geistiger Unabhängigkeit. Bereits nach wenigen Jahren an der Universität Warschau fiel er durch seinen unersättlichen Lese- und Schreibdrang auf: Er verschlang die Werke von Gombrowicz, Miłosz, Bruno Schulz und vielen anderen, um sie literarisch zu verarbeiten. Doch das Jahr 1939 war nicht mehr fern.
Im März 1940 versuchte er, aus dem sowjetisch besetzten Grodno über Litauen nach Frankreich zu gelangen, um sich der polnischen Armee im Westen anzuschließen. Die von ihm engagierten Schleuser waren jedoch NKWD-Agenten – einer von ihnen hieß, ironischerweise, Mickiewicz.
Hier begann jene Erfahrung, ohne die er sein Buch Welt ohne Erbarmen nie hätte schreiben können. Der damals 23-jährige Herling-Grudziński wurde zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt, nachdem man ihn beschuldigt hatte, die Grenze mit dem Ziel übertreten zu wollen, gegen die Sowjetunion zu kämpfen. Symptomatisch: Auf seinen Einwand, man könne in der Anklageschrift doch wenigstens „Deutschland“ statt „Sowjetunion“ einsetzen, erhielt er nur die Antwort: „Das kommt aufs Gleiche raus!“
Wie viele andere Polen konnte er dank des Sikorski-Majski-Abkommens nach 18 Monaten entkommen. Erst ein halbes Jahr nach der letzten Deportationswelle – nur wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion – gelang es General Władysław Sikorski, Stalin zu einem Abkommen zu bewegen, das die Flucht von 25.000 polnischen Soldaten und zahlreichen Zivilisten ermöglichte.
Doch für viele bedeutete das noch keine echte Freiheit: Sie waren krank, geschwächt und völlig mittellos. Sie mussten betteln, auf zufällige Mahlzeiten hoffen und in Bahnhofshallen oder auf Bahnsteigen übernachten – mitten im russischen Winter. Nach anderthalb Monaten unter solchen Bedingungen gelang es Herling-Grudziński schließlich, sich der Polnischen Armee unter General Anders anzuschließen.
Er kämpfte u.a. im Irak, Ägypten und nahm schließlich an der Schlacht um Monte Cassino teil – als Funker. Wie vielen Anders-Soldaten war ihm jedoch bereits damals klar, dass das künftige Nachkriegspolen in der sowjetischen Einflusssphäre verbleiben würde.
Exil, Bruch, Rückkehr
Nach dem Krieg ließ sich Herling-Grudziński in Italien nieder. „Wichtig war, dass ich mich einfach in Italien verliebte. Es war mein gewähltes Land“, sagte er später. „Als ich mit meiner Frau Krystyna dortblieb und mit Giedroyć Kultura gründete, war ich einfach glücklich.“ Doch schon bald kam es zum Zerwürfnis mit Jerzy Giedroyć, woraufhin Herling-Grudziński nach Großbritannien zog – wie viele andere polnische Emigranten lebte er dort in relativer Armut. Zwischenzeitlich verschlug es ihn auch nach München, bevor er sich schließlich dauerhaft in Italien niederließ. Zu seinen späteren, hochgeschätzten Werken zählen unter anderem Wieża (Der Turm) und Książę niezłomny (Der unbeugsame Prinz). Er schrieb weiterhin über die Geschichte des Totalitarismus, aber auch über moderne, beunruhigende Entwicklungen, die daran anknüpften – etwa die Terrorwelle in Italien. Auch seine übrigen Werke waren wahre literarische Zitatscollagen, durchzogen von unzähligen literarischen Anspielungen.
In Polen wurde er erst Ende der 1970er Jahre breiter rezipiert – sein großes, eingangs erwähntes Buch über das Gulag-System erschien dort erst 1988. Ähnlich wie andere Autoren, etwa Zbigniew Herbert, kritisierte Herling-Grudziński später den aus seiner Sicht zu nachsichtigen Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit im freien Polen nach 1989.