21/01/2026
Zum 60. Gründungsjubiläum der Kölner Polit-Rockband Floh de Cologne hat Ulrich Tietze (Pfarrer im Ruhestand aus Hildesheim) folgende Würdigung verfasst ...
„Wir wollten ein anderes Publikum“
Vor 60 Jahren wurde der „Floh de Cologne“ gegründet
„Meine Mutter trug mich auf dem Arm,
im Städtchen gab es Fliegeralarm.
Sie ist um mein Leben gerannt – fürs Vaterland.“
So hieß es im letzten „Floh“-Programm „Faaterland“ im Titellied; und als 1980 in der DDR eine Dokumentation über die BRD unter dem Titel „Mein Land der Adler und der Kreuze“ erstellt wurde, war die Gruppe dabei – mit Interviews und Songs, darunter auch diesem.
45 Jahre später läuft mir es mir bei dem zitierten Text eiskalt den Rücken hin-unter. Wir werden aktuell wieder auf einen Krieg eingestimmt, und wer sich mit Klarheit dagegen äußert, gilt im besten Fall als naiv. Im beschaulichen Hildesheim (und mit Sicherheit anderswo noch mehr) ist die Bundeswehr dauer-präsent, Stände für den Frieden sind die Ausnahme.
Die Flöhe hatten mit der Tradition etwa eines Berthold Brecht zu tun; es sei an sein Statement erinnert: „Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“ Diese Mahnung richtet Brecht 1951 an die westdeutschen Schriftsteller. Die Medien sind empört. War das nun alles umsonst? Was bewirken Mahnungen, was bewirkt Satire?
Dieter Klemm, „Floh“-Manager und fast von Anfang an dabei, erzählt einmal: wenn er in irgendeinem Kaufhaus Menschen – auch gerade jüngere – treffe, werde er gelegentlich angesprochen: „Du warst doch auch beim Floh dabei? Ihr habt mein Leben nachhaltig beeinflusst.“
Also doch nicht ganz umsonst?
Angefangen hatte es im Januar 1966 ganz harmlos. Gerd Wollschon, der schon als Schüler kabarettistische Ambitionen hegte, mittlerweile Student der Theaterwissenschaft an der Universität Köln, gründete mit ein paar Kommilitonen (und, nicht zu vergessen, einer Kommilitonin) ein Studentenkabarett. Im Januar 1966 war der erste Auftritt im Hinterzimmer des Restaurants „Franziskaner im Gürzenich“ – vor rund 100 Interessierten spielte die Gruppe ihr erstes Pro-gramm „Vor Gebrauch Kopf Schütteln“. Die Presse kommentierte: „Wortspielversessen“ und wartete ab. Der Erfolg überraschte die „Flöhe“ wohl selbst am meisten, denn alsbald waren zwei Auftritte pro Woche zu absolvieren, so gut wie immer ausverkauft, und das Publikum war begeistert.
Dieter Klemm, ebenfalls Student in Köln, erlebte es so:
„Ich war von der Power und der Professionalität der Beteiligten vollends baff. Der Abend war für mich ein Aha-Erlebnis, das Erlebte rüttelte an meiner gesamten Gedankenwelt.“
Manchmal erschrickt es, wie aktuell vor Jahrzehnten formulierte satirische Texte noch oder schon wieder sind. In ihrem dritten Programm „SimSAlabimbambasaladUSAbim“, zur Hälfte der „Großen Koalition“ und zur anderen Hälfte dem mörderischen Krieg in Vietnam gewidmet, lautete ein (hier gekürzter)Text von Gerd Wollschon, jahrelang Haupttexter des Ensembles, über die SPD so:
„Du 100 Prozent lösliche, sei mir Blasentee und Sternschnuppe zugleich.
Nimm mich reuigen Wähler auf in deine erlauchten Greise.
Lass dein schütteres Haar fallen über deine geistige Blöße.
Gib mir Brot und spiele mit mir, denn wisse:
Umfallen muss belohnt werden.
Darum: SPD!
Wenn wir schon nichts ändern können, wollen wir wenigstens regieren.“
Und die Quintessenz:
„Deutsche Parteien sind Präservative: Preis verschieden, Verpackung verschieden, Inhalt verschieden durchsichtig…“
Dass so etwas als nicht medientauglich eingestuft wurde, ist klar. Aber es sei daran erinnert: mehrere Kabaretts der damaligen Zeit wollten mehr als publikumswirksame Bühnenarbeit liefern – das „Rational-Theater“ (mit einem aufklärerischen Programm über den Strafvollzug, Untertitel „Sing-Sing-Spiel“), das „Reichskabarett“ mit brillanter Darstellung der CIA-Verwicklungen in faschistische Staatsstreiche. Sie alle erlebten die Ablehnung der Presse, in Berlin bei 70 % Springer-Anteilen naheliegend.
Im Vietnam-Teil ihres dritten Programms sang Markus Schmidt, Texter und Komponist der Gruppe, im „Song vom Ausverkauf“:
„Denn schließlich hat man ja Moral – man weiß als guter Christ:
Der beste Kommunist ist mal ein toter Kommunist.“
Ist das überholt? Ich fürchte: nein.
Klaus Budzinski, von Dieter Klemm als „Kabarett-Papst“ bezeichnet, sagte mit Recht über den Floh: „Am weitesten gehr zur Zeit tatsächlich diese Gruppe.“ Das hatte Folgen, auch juristische Versuche des Ausbremsens gab es. In einem Nachruf hieß es:
„Gotteslästerungsprozesse haben die fünf auf ihre Häupter gezogen, Anklagen wegen öffentlicher Aufforderung zur Unzucht und durchwegs erfolglose Beleidigungsklagen von bekannteren Leuten, deren Haltungen und Handlungsweisen sie gar zu ungeschminkt dargestellt hatten.“
Der Widerstand wurde noch massiver, als nach enorm erfolgreichen Auftritten in München – nach wenigen Tagen waren alle Vorstellungen des Programms „Zwingt Mensch raus“ ausverkauft – und dem Gefühl, „Clowns für das Großbürgertum“ zu sein, der Floh sich vom Kabarett löste.
Denn wer war dort das Publikum? „Die Steuerberater, die Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, die Rechtsanwälte, die sich scheckiglachten, so als wollten sie sagen: So drastisch hat es uns noch niemand gegeben.“
Die Flöhe entschieden sich, ein neues Publikum zu suchen: Lehrlinge, Arbeiter, diejenigen eben, die nicht ins Kabarett gingen (bis heute nicht). So wurden sie zur Polit-Rockgruppe. „Wir wollten jüngere Leute ansprechen“, sagt Dieter Klemm. Und Hansi Frank noch direkter: „Wir wollten ein anderes Publikum.“ Das gelang mit vielen Schwierigkeiten. Der Schritt in die Professionalität war auch ein Weg ins Risiko. Viel Geld gab es nicht, all die siebzehn Jahre ihres Bestehens hindurch. Hin und wieder waren sie im Fernsehen, aber so selten, dass eine Aufführung schnell möglich ist. Hansi Frank: „Wir standen finanziell immer mit dem Rücken zur Wand.“
Die Bedeutung der Gruppe wuchs trotzdem, gegen alle Widerstände. Ihnen ursprünglich weithin wohlgesonnene Kritiker sprachen nun von „Holzhammer-Aufklärung“ und „unnötige(r) Überdrehung in Wort und Beat“ – aber zugleich urteilten sie, der Floh sei „wahrscheinlich zur Zeit das Beste und Stärkste, was in der Bundesrepublik noch irgendwie mit Kabarett zu tun hat – aber auch das Gefährlichste.“
Die Flöhe entwickelten sich zum Tournee-Unternehmen. Ihren festen Spielort in Köln gaben sie auf, und von etwa 1969 bis 1983 waren sie als Rock-Kabarett unterwegs. Genauigkeit blieb oft ihr Markenzeichen:
„Die einen verdienen – die anderen dienen“, so hieß es in der ersten deutschen Rockoper mit dem noch heute treffenden Titel „Profitgeier“. Und die Quintessenz im Schlusstext:
„Die Luft gehört denen, die sie atmen. Warum gehören denn die Häuser nicht denen, die darin wohnen?
Warum gehört denn der Staat nicht denen, die ihn aufbauen?
Warum gehört denn die Welt nicht denen, die in ihr leben?“
Und treffend, nicht nur als Wortspiel, auch dies:
„Der Unternehmer heißt Unternehmer, weil er etwas unternimmt. Der Arbeiter heißt Arbeiter, weil er arbeitet. Würden die Arbeiter was unternehmen, müssten die Unternehmer arbeiten.“
Allerspätestens seit Corona wissen wir: wenn die Werktätigen streiken, spüren wir das sofort. Wenn die Manager streiken, merkt das niemand.
Es gab in der Anfangszeit der deutschsprachigen Rockmusik nur drei Gruppen, die kritische deutsche Texte schrieben und sangen: „Ihre Kinder“ (heute kaum noch bekannt), „Ton Steine Scherben“ (später vom Politrock abgerückt, heute geradezu ein Mythos) – und „Floh de Cologne“. Die Kölner fanden in den Medien ebenso wenig statt wie die anderen Bands.
Dennoch: In den 70er Jahren war die Gruppe so bekannt, dass sie auch hohe Risiken eingehen konnte: 1972 war Friedrich Flick gestorben und wurde mit höchsten Ehren beigesetzt. Die Trauerreden boten unfreiwillige Satire und sprachen den Toten heilig. Kein Wort von seiner Verurteilung als Kriegsverbrecher, kein Wort von Sklaven-Arbeit Kriegsgefangener, von brutalen Misshandlungen der in seinen Werken schuftenden Frauen. Kein Wort davon, dass er einer der wichtigsten Unterstützer Hitlers war. Ob Springerpresse, Wirtschaftsvertreter oder Politik: alle sangen das Lied auf einen edlen, jederzeit gütigen Menschen, der eigentlich heiliggesprochen gehörte.
Die Flöhe eröffneten ihr gründlich recherchiertes Programm über ihn mit Fakten, die erstaunlicherweise nicht zu einem Prozess gegen sie führten. Und sie kommentierten zynisch, aber treffend: „Am Tag, als der alte N**i, Kriegsverbrecher, Rüstungsindustrielle und Träger des Bundesverdienstkreuzes Friedrich Flick starb, war man sich im Volke einig, dass dies seine sozialste Tat war.“ Die von ihm verantworteten Morde führten sie zum Statement: „Ein Blutfleck auf der Weste? Kein Problem. Nehmen Sie einfach Bundesverdienstkreuz – erhältlich bei jeder Bundesregierung.“
Im Folgeprogramm „Lucky Streik“ ist ihre schönste Satire enthalten, „Der Löwenthaler“, mit dem klassisch gewordenen Refrain: „Die Milch wird sauer, das Bier wird schal – im Fernsehn spricht der Löwenthal.“ Das weckte nicht nur damals Widerspruch. Als ich in einem Beitrag für eine Zeitschrift betonte, dass Löwenthal häufig zu rechtsextremen Auffassungen neigte, reagierte ein Kollege empört und nannte diesen Moderator einen „konservativen Demokraten“ - eine groteske Fehleinschätzung. Denn Löwenthal verteidigte wirklich Faschisten weltweit, in Griechenland nach dem Putsch 1967 z.B. – und die mörderische Junta in Chile ebenso.
Der Putsch am 11.9.73 war so schrecklich und ist bis heute nicht aufgearbeitet, hierzulande nicht und dort nicht. Gerade deshalb:
Erwähnt werden muss, wenn es um Floh de Cologne geht, das Chile-Programm „Mumien“, in dem nicht nur die Schandtaten der Faschisten im Andenland benannt werden, sondern auch die bis heute unfassbare Verharmlosung der Verbrechen durch die bundesdeutsche Presse. Ein CDU-Politiker über das KZ im Nationalstadion: „Bei sonnigem Wetter ist das Leben dort recht angenehm.“ In den „Mumien“ wird sarkastisch kommentiert: „Er bestieg einen Leichenberg und genoss die schöne Aussicht.“
Dass die „Flöhe“ nicht immer ausreichend differenzierten und etwa in diesem Programm das faschistische Chile mit der BRD nahezu gleichsetzten, war ein Manko. Dass inzwischen aber ungehindert Neo- und Altnazis hierzulande marschieren und Hetze verbreiten, darf auch nicht unterschlagen werden.
Und weiterhin – eher noch verstärkt – gilt: „Des Volkes Fesseln sind der Herren Rechte. … des Volkes Armut macht die Herren fett.“ Die „Profitgeier“, Titel der ersten deutschen Rockoper (die Flöhe waren Erfinder dieses Genres), sind heute mächtiger denn je.
Manchmal wäre mehr Differenzierung gut gewesen: „Des Volkes Fesseln“ als Quintessenz über den Faschismus in Chile galt nicht in gleicher Weise für die BRD; aber manchmal lässt die Wut, die verständliche, es nicht mehr zu, dass noch ausreichend differenziert wird. Und nicht zu vergessen: die Flöhe verkauften sich nicht – wie der damals hochgelobte Wolf Biermann – an die Springer-presse, sondern blieben der Sache treu.
Erfreulich: 1980 erhielt die Gruppe den Kleinkunst-Preis für ihre Rockoper „Koslowski“, in der das Schicksal arbeitender Menschen dokumentiert wird – mit vielen Zitaten. Der Journalismus blieb ihnen immer wichtig; Vridolin Enxing, spät zur Gruppe gestoßen und der Profi-Musiker des Ensembles: „Diese journalistische Arbeit macht uns auch Spaß.“
Er machte im Gespräch mit Steve Peinemann auch deutlich: „Sobald wir in die Medien gehen, dürfen wir den Mund ja nicht aufreißen, da dürfen wir nur noch Gitarre spielen. Das nehmen sie.“
Vielfältige Filmmusik war eines der Standbeine und sorgte bei knapper Kasse für die eine oder andere Einnahme. Eng blieb es immer. Kommentar zur Situation, als die Auflösung bevorstand: „Wenn wir jetzt so mithalten wollten, dass ein besseres Leben herausschaut – Fettaugen sind wir sowieso nie gewesen, es hat immer gerade so gereicht –, dann müssten wir richtig kommerziell hinlangen. Das aber wäre unter dem Namen Floh de Cologne unmöglich, das wäre der Ruin dieses guten Namens.“
Gruppen und Interpreten dieser Art könnten wir heute gut gebrauchen. Aber weit und breit sehe ich keine.