25/03/2026
Dr. Horst Fischer ist in den 1960er-Jahren ein angesehener Arzt in einem Dorf bei Fürstenwalde, östlich von Berlin. Er führt seit 20 Jahren seine eigene Praxis, ist verheiratet und hat vier Kinder. Was niemand weiß: Von 1942 bis 1945 ist Fischer als SS‑Arzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz verantwortlich für den Tod von über 70.000 Menschen.
Nach dem Krieg taucht Fischer, zuletzt SS-Hauptsturmführer, in der Sowjetischen Besatzungszone unter. Er verwischt die Spuren seiner Nazi-Vergangenheit und beginnt ein bürgerliches Leben.
Ins Visier der Stasi gerät Horst Fischer eher zufällig. Grund ist allerdings nicht seine NS-Vergangenheit. Er fällt durch regimekritische Äußerungen auf, weil das MfS private Telefonate und Briefe zu West-Verwandten kontrolliert. Das setzt weitere Recherchen in Gang und so wird Fischer als ehemaliger SS-Arzt enttarnt. 1965 wird er verhaftet, im März 1966 vor Gericht gestellt und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt.
Die Verhandlung gerät zu einem politisch inszenierten Prozess, Journalisten sind zugelassen. Es geht nicht nur um die Verbrechen Fischers, sondern auch um das KZ Buna/Monowitz, ein Außenlager des Konzentrationslagers Auschwitz. Das Lager entsteht 1942 nahe einer großen Fabrik des Chemiekonzerns IG Farben, in der unter anderem synthetischer Kautschuk („Buna“) produziert wird. Tausende KZ-Häftlinge müssen dort unter extremen Bedingungen Zwangsarbeit leisten; viele sterben an Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und der harten Arbeit. Nach der Zerschlagung des Konzerns durch die Alliierten nach Kriegsende geht IG Farben in mehreren bundesdeutschen Firmen auf.
Die DDR nutzt den Prozess bewusst, um den westdeutschen Kapitalismus mit den NS-Verbrechen zu verknüpfen und ihn symbolisch mit auf die Anklagebank zu setzen. Die DDR-Führung will Härte und Konsequenz im Umgang mit Nazi-Verbrechen zeigen. Sie ist in Zugzwang, weil die Auschwitzprozesse in der Bundesrepublik ab 1963 für weltweite Aufmerksamkeit sorgen.
Nach dem Todesurteil gegen den KZ-Arzt lässt das Interesse der DDR-Führung an weiteren Ermittlungen zu NS-Verbrechen nach. Dabei gibt es auch in der DDR weiterhin Tatverdächtige. Das hat ideologische Gründe: Die DDR will den Eindruck erwecken, NS-Täter und deren Verbrechen gebe es bis auf Einzelfälle nur in der Bundesrepublik. So stabilisiert sie ihr antifaschistisches Selbstbild.
📷 Fotonachweise:
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Slide 2/3: Bibi595, „Auschwitz-Work Set Free-new“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
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Slide 6: Bundesarchiv, Bild 183-E0311-0010-003 / CC-BY-SA 3.0, „Bundesarchiv Bild 183-E0311-0010-003, Oberstes Gericht, Fischer-Prozess, Aussage, Fischer“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode
Slide 7: Jörg Zägel, „Berlin, Mitte, Invalidenstrasse, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie 01“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
Slide 8: Martin Geisler, „Arndtstraße 48, Leipzig 1“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode