21/05/2026
EINE SAGE ERZÄHLEN, GANZ OHNE WORTE?!
Gestern sollte es im Kloster Michaelstein um Harzer Sagen gehen, genauer gesagt, um „ein von der Harzer Sagenwelt inspiriertes Wandelkonzert mit Tanz und Musik“. Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt – Gott sei Dank! 😊 Ich glaubte, dass wir verschiedenen Sagen lauschen dürfen, die eben musikalisch und getanzt zum Ausdruck kommen, was aber geschah war gänzlich anders:
Etwa sechzig Interessierte waren gekommen und saßen nun gespannt im großen Klosterraum, um Telemanns Ouvertüren zu lauschen. Ich bin kein großer Fan von klassischer Musik, doch dieses Jugend-barockorchester – Bachs Erben – war großartig. Zwölf junge Musiker verzauberten mich mit den ersten Tönen, mit jugendfrischen Ausstrahlung, mit der Begeisterung zur Musik, die aus den Stücken sprach … und noch mehr freute ich mich auf die Sagen, … die nicht kamen! Plötzlich tanzte eine bildschöne Elfe durch den Raum und forderte einen jungen Mann auf, mit ihr zu spielen. Erst beinahe am Ende des Wandelkonzerts verstand ich, dass mit den nachfolgenden Stücken nicht jeweils eine für sich stehende Sage, sondern uns insgesamt die Lebensgeschichte dieser jungen Frau – getanzt und belebt von Giorgia Gasparetto – erzählt wird … und zwar schweigend, über 1,5 Stunden. Vielleicht denkst du: „Langweilig!“, aber das war’s nicht, keine Sekunde, vielleicht höchstens unverständlich, bis sich mir Giorgias Geschichte offenbarte. Plötzlich war alles glasklar, wie eine Aneinanderreihung von kostbaren Perlen einer Kette:
Ein bildschönes, junges Mädchen kommt in ein Kloster. Sie kennt und versteht den Ernst des Lebens noch nicht. Alles ist Tanz, ein Spiel, auch der Moment, in dem sie einen jungen Mann kennenlernt, ein Mönch vielleicht?! Ein Heidenspaß beginnt, ein lachen und scherzen, ein fortlaufen und voreinander verstecken, ein suchen und finden, bis das Klosterleben den Kindern die ernstenge Kutte der Frömmigkeit überwirft. So wächst Giorgia im Kloster heran, mit Unverständnis über die harte Erziehung, aber auch mit Freuden, die ihr die Musik schenkt und der Tanz. Sie wächst zur selbstbestimmten Frau heran, freilich sich zwicken lassend von den strengen Klosterregeln. Doch bemerkt sie, dass da ehr in ihr ist, als sich vom Takt führen zu lassen. Sie will führen und streitet lustvoll mit den Schwestern; ja, selbst mit der Mutter Oberein darum, die erste Geige zu spielen, den Takt anzugeben. – Ein lustiges Schauspiel beginnt, lässt mich schmunzeln, lässt mich hoffen, dass alles gut gehen wird, sie Freude an ihrem neuen Leben und an Gott gewinnt, … doch innerlich wirkt sie zerrissen. Giorgia scheint nicht vollkommen ins Kloster zu passen. Freilich spielt sie mit, unterdrückt ihre Lust zu tanzen, ihr einzigartiges Wesen, unterdrück die Lebenslust und ich ahne, wie vielen Frauen es einst im Kloster genauso gegangen sein muss.
Wandelkonzert heißt, dass wir durchs ganze Kloster wandelten und mal in den Räumen, mal im Garten, Ausschnitte aus Giorgias Leben vernahmen. Gerade standen wir im Gemüsegarten und lauschten, denn im Kreuzgang sangen die Mönche und Nonnen „Te Deum“ – einen alten, lateinischen Dank- und Bittgesang. Ich ahnte, dass unsere Nonnen um mehr bat, als um das, was das Klosterleben damals hergab. „Großer Gott, wir loben dich“, sang Giorgia, allein den Raum wechselnd und vor einem Spiegel stehend. Wie ungebührlich für eine Nonne, sich so in einem Spiegel zu bewundern. Wahrlich, sie kann Gott danken für solch einen Körper, solch ein Antlitz, für solche Jugendblüte … und sie tat es, streichelte sich und in ihr erwachte, was die Kutte unterdrückte, so lang, und plötzlich sprangen die Geister herbei und die Lust machte sie frei (und wir hörten aufmüpfigen Gangsterrap jenseits von Frömmigkeit und Klosterkorsett). Giorgia strahlte, trug nun einen Königsmantel und schritt stolz durch die Gänge. Wer wollte ihr von da an noch absprechen, eine Königin zu sein? Geweckt war ihre Weiblichkeit, bis die Brüder und Schwestern kamen und sie zurück „zu Herrn Jesu Christ“ riefen. – Ein Schauer läuft mir über den Rücken, wenn ich mich wage, mich in ihre Zerrissenheit fallen zu lassen: Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. – Den vollkommen Glanz ihrer Weiblichkeit sah auch der Mönch, verlor seinen Eid und sich in ihr und sie sich in ihm und jauchzend sprang sie durchs Gemäuer, den kalten Stein vor Seligkeit küssend! –
… der Zuschauer aber ahnte, mit schmerzender Brust, dass Giorgia es bitter bereuen wird, sich ihrer Lust hingegeben zu haben!
Ein markerschütternder Schrei der die Mauern erschütterte, und Giorgia die auf ihre Knie fiel und ihr Antlitz verbarg. Und den Schleier – den sie gerade noch in Freude und Lust durch den Kreuzgang geschwungen hatte, der ihr sinnlich vom Körper rutschte, dem Zuschauer ihre Weiblichkeit entblößte, die Männer schlucken und die Frauen neidisch niederblicken ließ – der fiel drückend zu Boden, schliff auf der Erde hinter ihr her. Ganz vom Schmutze besudelt nahm sie ihn hoch und wiegte darin ihr Kindlein, das zarte Gottesgeschenk, dass sie niemals hätte tragen dürfen.
Und, wie ich diese Worte schreibe, da perlt mir mehr als ein Tränlein aus den Augen, ihren Schmerz so grausam mitfühlen lassend, zerdrückt werdend von der Last des graudunklen Kirchengewölbes, das mir für immer die Sonne aus dem Herzen sperrt. –
Wir folgten dieser mutigen Frau, die den Schleier trug, die zur Braut Christi ward, schleichend, schleppend, erstickend, in die enge, aber helle Klosterkirche. – Was für ein Schauspiel, was für ein Tanz der Gefühle, was eine Musik, die Giorgias Geschichte noch einmal mit Bachs berühmter Kantate umrahmt: „Es erhub sich ein Streit“ bis „Man singet mit Freuden vom Sieg“. Die jungen Musiker sind gleichsam Sänger und Schauspieler und öffnen mein Herz für die Freuden, öffnen mein Herz, das sich eben noch leidend verschloss …! Stehender Applaus für Giorgia, für „Bachs Erben“ und für Heike Hennig, die dieses großartige Aufwühlung entwarf. Das Stück ist aus – wir geh’n nach Haus … doch hätten es am Liebsten gleich nochmal gesehen.
Ob ich es richtig interpretierte, und die anderen Zuschauer es verstanden und ebenso berührt waren, wie ich, weiß ich wirklich nicht zu sagen. Vielleicht hätten ein paar Worte, Giorgias Geschichte umrahmend, Not getan und Erkenntnisse gestiftet. Ob dies aber dem Glück zuträglich gewesen wäre, wer weiß es zu sagen!? Alles in allem: sagenhaft!
Euer Sagen- & Märchenerzähler Carsten Kiehne