09/09/2026
Es gibt eine Frage in der Trauer, die die Trauer selbst noch mehr belastet: Was stimmt nicht mit mir?
Du warst wütend auf jemanden, der nichts dafür konnte. Du hast bei einer Werbung geweint und bei der Beerdigung keine Träne gehabt. Du hast dich beim Lachen erwischt und dich sofort dafür geschämt.
Ich habe diese Frage tausende Male gehört, über Jahre, am Telefon. Nicht als Trauerbegleiter, ich bin keiner. Menschen haben mir erzählt, was mit ihnen passiert, und irgendwann habe ich verstanden: Es sind zwei Lasten, nicht eine.
Die eine ist der Schmerz. Der Mensch fehlt, an mindestens dreißig Stellen am Tag. Der bleibt, in wechselnder Lautstärke. Er ist der Preis dafür, geliebt zu haben.
Die andere ist der Schrecken. Der Schrecken ist nicht: Er fehlt mir. Der Schrecken ist: Ich weiß nicht, was gerade mit mir passiert. Dass du nachts mit klopfendem Herzen aufwachst, ohne geträumt zu haben. Dass du eine Nachricht dreimal liest und trotzdem nicht weißt, was drinsteht. Dass du deinen Verstorbenen für anderthalb Sekunden in der Fußgängerzone siehst und danach überzeugt bist, den Verstand zu verlieren.
Nichts davon ist der Verlust. Das alles sind Nebenwirkungen des Verlusts. Und weil dir niemand gesagt hat, dass es sie gibt, hältst du sie für Beweise, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Verstehen nimmt nicht den Schmerz. Verstehen nimmt den Schrecken.
Solange du dich für kaputt hältst, führst du zwei Kämpfe. Den einen gegen den Verlust, der ohnehin alles fordert, was du hast. Und den zweiten gegen dich selbst. Dieser zweite Kampf ist erfunden. Er bringt nichts ein und kostet mehr als die Hälfte von dem, was du hast.
Du bist ganz normal. Du bist in einer Lage, in der genau das passiert, was dir passiert. Das holt niemanden zurück und macht keine Nacht kürzer. Aber es nimmt dir das Gefühl, dass du zusätzlich zu allem anderen auch noch versagst.
Und falls du das nicht allein sortieren magst: In unserer Community sind Menschen, denen du nichts erklären musst. Sie nicken an den Stellen, an denen andere zusammenzucken.