22/01/2025
Bericht Weser-Kurier, Montag, 20.1.2025 Das Interview führte Sebastian Loskant.
Herr Busch, Ende der Woche wird in Bremen eine neue Galerie eröffnet, der RAUM 6-8 hinter dem WK-Café Weser-Strand. Sie gehören zu den Initiatoren und werden die Eröffnungsrede halten. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Sönke Busch: Eine Ausstellung mit dem Bremer Maler Philipp Pulkowsky und seiner Arbeit "Glasklar". Und ein ungewöhnliches Konzept.
Nämlich?
Wenn man einen Künstler vorstellt, erliegt man oft ganz schnell dem Drang, möglichst viel von ihm zu präsentieren. Hier wird dagegen nur ein einziges Bild aufgehängt. Ein Großformat.
Was bezwecken Sie mit der Beschränkung?
Wenn du in den Louvre gehst, spürst du in dieser Fülle nach drei Minuten diese Museumsmüdigkeit. Max Goldt hat mal die schöne Frage gestellt: "Sind Sie auch einer dieser Menschen, die im Museum am liebsten aus dem Fenster gucken?" Wir haben nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne, um etwas sinnlich zu erfahren. Die Situation hier fordert Konzentration: Du kommst in einen Raum, suchst dir einen Platz. Da hängt ein einziges Bild, gut ausgeleuchtet, das kannst du nicht wegscrollen, da kommt auch nicht gleich das nächste Bild. Du hast die Chance, es dir lange anzugucken und am Ende zu sagen: Was macht es mit mir? Will ich es haben? Finde ich es stark genug, den Künstler so zu unterstützen, dass er auch im nächsten Jahr noch so ein Bild malen kann?
Das Bild soll also verkauft werden...
Das ist der Clou dabei: Dieses Bild wird über die Homepage von RAUM 6-8 in einer Internet-Auktion versteigert. Während der Dauer der Ausstellung – gewechselt wird alle drei Monate – kann jeder Interessent mitbieten, das ist wie bei Ebay. Im vorderen Bereich, an den Klinkerwänden des WK-Cafés, werden noch drei weitere Bilder von Philipp Pulkowski gezeigt – zu Festpreisen, die der Künstler festlegt.
Der Verkauf spielt eine wesentliche Rolle?
Mein Anliegen ist: Kleb da ein anständiges Preisschild drauf. Mach den Preis nicht so, dass es jemand kauft, sondern dass du davon leben kannst. Sag: Ich möchte im Monat 2500 Euro netto haben, denn ich arbeite 70 Stunden in der Woche als Künstler. Das funktioniert nämlich gerade im Kunstbetrieb nicht sauber. Bei vielen Künstlern ist das Wegduckmäusern total verbreitet. Die meinen: Na ja, dann verkaufe ich es günstiger, 1200 Euro zu haben, ist besser, als sie nicht zu haben. Aber da sagt jeder Galerist auf der ganzen Welt: So funktioniert der Kunstmarkt nicht.
Sie möchten eine selbstbewusste Kunst...
Es gibt so unglaublich wenige bildende Künstler in Bremen, die vom Verkauf ihrer Arbeiten leben können, das ist brutal. Wer rein als Künstler lebt, schafft das oft nur mit einem finanziell potenten Lebenspartner an der Seite. Oder man hat einen Brotberuf, das wirkt sich aber nicht unbedingt inspirierend auf das künstlerische Schaffen aus. Man kann nicht immer nur Selbstausbeutung betreiben. Deshalb ist es wichtig, dass sich der Künstler mit großen Füßen hinstellt.
Aber es müssen sich ja erst mal Käufer finden...
RAUM 6-8 soll Menschen, die in der Lage sind, Kunst zu fördern, eine Andockstelle bieten. Die Galerie möchte auch jüngere Unternehmer daran heranführen, Kunst zu unterstützen und die Stadt lebenswert zu machen. Denn das ist ja nicht deren Verpflichtung. Aber Unternehmer und Künstler haben eine wichtige Parallele: Beide wollen die Stadt verändern. Unternehmer fühlen sich oft verbunden mit Menschen, die Kunst machen. Es gibt ein Gespür füreinander. Und das Mäzenatentum hat in Bremen eine lange Tradition.
Gibt es in Bremen nicht genug Galerien dafür?
Wir haben eine Leerstelle, was Verkaufsgalerien angeht. Ich erlebe es, dass Leute, die Kunst kaufen wollen, nach Düsseldorf, Berlin oder Hamburg fahren – da tut sich immer mehr eine Finanzierungslücke auf. Wir haben unter den Unternehmen in der Stadt einige Hidden Champions, heimliche Weltmarktführer. Wenn mich einer fragt "Was kann ich tun, außer mir einen zweiten Maserati zu kaufen?", sage ich: Hier hast du die Möglichkeit, junge Talente zu fördern. Aber du kaufst nicht nur ein Bild, da hängt auch immer einer dran, der die Kunst gemacht hat und davon leben möchte.
Mäzene neugierig zu machen – wie kam es zu dieser Idee?
Die Idee ist beim ersten WESER-KURIER-Kulturparkett, das die Kulturszene im vergangenen Frühsommer zusammengebracht hat, im Gespräch mit mir und anderen kulturinteressierten Bremern entstanden. Da ich mich in der Kunstszene ein wenig auskenne, wurde ich gebeten, Künstlerinnen und Künstler vorzuschlagen, die ich spannend finde.
Was können Sie über Philipp Pulkowski erzählen?
Er ist 1991 in Oldenburg geboren, hat an der Hochschule für Künste in Bremen studiert und sehr den Satz geprägt, dass er trotzdem Künstler geworden ist. Typisch für ihn sind Großformate mit expressiven Porträts.
Warum haben Sie ihn ausgewählt?
Weil mich Menschen faszinieren, die ihr Leben um die Kunst herumstricken. Die nicht anders können. Die auf Komfort verzichten, etwa weil sie ein großes Atelier wählen, das sie nicht heizen können. Philipp Pulkowsky arbeitet in der verlassenen Fabrik von Wurstwaren Könecke am Bahnhof Sebaldsbrück und hat sich sein Atelier in einer alten Aluminiumkühlkammer eingerichtet – ohne Kabel, sodass er vor Kupferdieben sicher ist. Dass er dort ziemlich unkomfortabel haust, um seine Bilder malen zu können – das finde ich inspirierend. Weil man die Leidenschaft spürt. Bei einem Künstler wie ihm freue ich mich, wenn er einfach mal drei Monate Ruhe hat zu arbeiten und nicht direkt den nächsten Antrag schreiben muss. Dass er seine Heizung zahlen und vielleicht auch mal nach Amsterdam fahren kann.
Was erhoffen Sie sich von RAUM 6-8?
Dass wir im Herzen der Stadt Künstler sichtbar machen und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Dass durch die Konzentration auf nur ein Bild ein gemeinsamer Wissenskanon für die Stadt entsteht. Und dass kein Künstler den Gedankenhorizont darauf verkleinert, was finanzierbar ist. Mit dieser Schere im Kopf kann keine geile Kunst entstehen. Ich mag selbstbewusste Kunst, ich mag es nicht, wenn Kunst verzagt, zurückhaltend und eingeschüchtert ist. Ich will Menschen, die tolldreist nach vorne stürmen. Aber zu künstlerischer Wertschätzung gehört halt auch immer die finanzielle Ausstattung.
Das Gespräch führte Sebastian Loskant.
Die Galerie RAUM 6-8 und die Ausstellung von Philipp Pulkowsky sind vom 24. Januar an in der Langenstraße 6-8 geöffnet.
ZUR PERSON
Sönke Busch (44)
ist in Bremen geboren und fing als 13-Jähriger an, sich mit Kunst zu beschäftigen. Er hat in Wien, Berlin und Amsterdam gelebt. Er arbeitet als Redner, Maler und Autor. Für die Ausstellungen in der Galerie RAUM 6-8 trifft er die Vorauswahl.
Fotocredit: Sönke Busch