23/06/2026
11 oder 11.000 Jungfrauen?
Kaum eine Kölner Legende ist so bekannt – und zugleich so vielschichtig gewachsen – wie die der heiligen Ursula und der 11.000 Jungfrauen. Über Jahrhunderte haben sich Überlieferungen, Deutungen und Zufälle zu einem Bild verdichtet, das bis heute nachwirkt.
Bemerkenswert ist dabei: Die frühesten Zeugnisse erzählen noch eine ganz andere Geschichte, als die spätere Tradition vermuten lässt. Aus einer Gruppe „himmlischer Jungfrauen“ ohne Namen, Zahlen und klare Deutung entwickelt sich im Laufe der Zeit die Legende der heiligen Ursula, die mit 11.000 Gefährtinnen von Britannien nach Rom zieht und auf dem Rückweg vor Köln von den Hunnen gefasst und getötet wird.
Die Zahl 11.000 geht vermutlich auf eine missverstandene Abkürzung im Mittelalter zurück: Aus „XI M. V.“ wurde offenbar „undecim milia virginum“ (11.000 Jungfrauen) gelesen, obwohl ursprünglich eher „undecim martyres virgines“ (11 jungfräuliche Märtyrerinnen) gemeint gewesen sein dürfte.
Verstärkt wurde diese Deutung später durch einen eindrucksvollen archäologischen Fund: Im Zuge der Kölner Stadterweiterung von 1106 legte man im Bereich der heutigen St.-Ursula-Kirche ein großes römisches Gräberfeld frei. Die dort entdeckten Gebeine wurden bald mit der Legende in Verbindung gebracht – auch wenn es dafür keine historischen Belege gibt.
So verbanden sich Lesetradition und archäologische Funde zu einer Erzählung, die Köln über Jahrhunderte prägte und Ursula zu einer der bekanntesten Stadtheiligen Europas machte.
(1) Martyrium der heiligen Ursula und der 11.000 Jungfrauen, Südniederlande um 1500, KSM, (2) Erich Saalfeld, CCAA - Das römische Köln um 200 n.Chr., KSM Graphische Sammlung, (3) Raimond Spekking, Clematius-Inschrift im Chorraum von St. Ursula, Köln (CIL XIII, *01313), 19 Juli 2009 CC BY-SA 4.0, (4) Lisa Kröger, Detail der Figur "St. Ursula" des Kölner Frauenbrunnens, 2023, LVR, CC BY 4.0 (5) Raimond Spekking, Clematius-Inschrift im Chorraum von St. Ursula, Köln (CIL XIII, *01313), 19 Juli 2009 CC BY-SA 4.0.