02/10/2025
Wohltuendes im 35. Jahr Deutscher Einheit. Ein Gruß aus dem Erich Kästner Haus.
„Und Elastizität“, so Erich Kästner in seiner 1949 vor dem Züricher PEN-Club gehaltenen Rede „Kästner über Kästner“, „ist ja nicht nur ein wünschbarer Zustand an sich, sondern wir alle werden sie, fürchte ich, in Zukunft recht nützlich gebrauchen können…“.
Der Autor, bereits ab 1945 als Feuilletonchef der Neuen Zeitung in München auf vielerlei Weise um die Unterstützung und Annäherung von Schriftstellern der Inneren Emigration, emigrierten Kollegen und unbelasteten Nachwuchsautoren bemüht, wurde in den Nachkriegsjahren zu einer repräsentativen Figur. Auf Vorschlag Thomas Manns lud man ihn 1947 auf den internationalen PEN-Kongress in Zürich ein, auf dem die Wiedererrichtung eines deutschen PEN-Zentrums diskutiert werden sollte. Kästner wurde erst Generalsekretär, dann Präsident neben Johannes R. Becher und Hermann Friedmann, nach der Spaltung in ein ost- und ein westdeutsches Zentrum ließ er sich 1951 zum alleinigen Präsidenten des bundesdeutschen Schriftstellerclubs wählen und behielt dieses Amt mehr als zehn Jahre. Stets war er auf Mäßigung der antagonistischen Rhetorik bedacht, zugleich aber auch auf klare Artikulation der Unterschiede.
Mit Blick auf den morgigen Feiertag möchten wir Ihnen einige Passagen aus einem Rückblick Wilfried Schoellers (von 2002-2009 Generalsekretär des wiedervereinigten deutschen P.E.N.-Zentrums) vorstellen. Der 2008 unter dem Titel „Deutscher P.E.N.-Club: Das Erbe der Spaltung ist das Prinzip Hoffnung“ erschienene Beitrag skizziert, wie die deutsche Schriftstellervereinigung des P.E.N.-Clubs seit 1948 zum Abbild des Kalten Krieges wurde und wirft gleichzeitig einen Blick voraus.
„Es hat lange gedauert, bis sich die beiden P.E.N.-Zentren vereinigen konnten und wollten. Diese Verständigung war eben nicht als Einigungsvertrag über ein Beitrittsgebiet zu erzielen; sie bedurfte auch des Abbaus der Reflexe aus dem Kalten Kulturkrieg. Vor zehn Jahren [1998, Anm. Verfasser] erst wurde diese Einigung vollzogen. […] Und doch bleibt etwas Unerledigtes, schwer zu Beschreibendes zurück. Backstage liegen die Trümmer, zersplitterte Zusammenhänge und Scherben der Teilungsgeschichte; sie wollen sich zu einem Ganzen nicht fügen. […] Die Erfahrungen, die in zwei unterschiedlichen, oft antagonistischen Gesellschaften gemacht worden sind, lassen sich nicht wiedervereinigen: Unverbunden existieren die diversen Gedächtnisse für die persönliche Zeitgeschichte weiter.
In unserem Ungenügen aber, uns mit unseren Köpfen und unseren Seelen so pauschal ins Ganze zu denken, steckt auch eine große Chance. Wir gewinnen eine Lesart für den Raum der Unterschiede, die uns umgeben, für den Wert des Einzelgängertums. […] Daraus entsteht vielleicht der neue Umriss von welthaltiger Literatur. […] Es ist eine Wohltat, zu erfahren, dass die Dinge auch anders sein und noch anders erfahren werden können. Die Literatur des entgrenzten Raums, wie sie in der Literatur der digitalen Netze entsteht, beharrt aber auch auf Raumbehauptung, auf Verräumlichung von Erinnerung. Dabei ersetzt der Raum den Begriff der Identität, er reflektiert den Standort des Autors wie des Lesers, er macht es möglich, dass wir unsere Divergenzen versammeln und ausleben. Mir kommt es vor, dass ich im Versuch, unser Unvereinigtes und unsere Beschränkung aufzuspüren, unversehens bei einer literarischen Glückskunde angelangt bin. Wir haben so allen Grund aufzuatmen.“
Heute, am Vorabend des 3. Oktober, ist mit Michael Göring ein engagierter Autor im Erich Kästner Haus zu Gast, der seit Studientagen enge persönliche Kontakte in der DDR respektive in Ostdeutschland pflegte. In seinem neuen Roman „Algund“, den er ab 19:00 Uhr vorstellen wird, stößt die persönliche Zeitenwende der Babyboomer-Generation auf die aktuelle politisch-gesellschaftliche Zeitenwende. Das Scheitern des Pazifismus, das Ende der für Europa so sicher geglaubten Zeit des Friedens, die Bedrohung durch die Klimakatastrophe, die Sorgen um die Demokratie – all das gärt in den Protagonisten und befeuert die Gespräche. Nach und nach brechen lang gehütete Geheimnisse auf.
Ein spannender zeitgeschichtlicher Bogenschlag von der Deutschen Teilung in die unmittelbare Gegenwart - der wir vielleicht, im Kästner‘schen Sinne, am besten mit Scharfblick, geeigneten Antitoxinen und mentaler Elastizität begegnen.
Einen erfrischenden Feiertag wünscht Ihnen Ihr Erich Kästner Haus!