03/06/2026
„Der ewige Krieg“: Korea zwischen Teilung, Erinnerung und Gegenwartspolitik
Internationale Tagung auf Point Alpha
Die Point Alpha Stiftung hatte in Kooperation mit dem Zukunftsforum für Korea e.V. zur internationalen Tagung „Der ewige Krieg. Vom Koreakrieg zur Gegenwartspolitik der geteilten Halbinsel“ eingeladen. Expertinnen und Experten aus Deutschland und Korea befassten sich mit der Geschichte des Koreakrieges, der bis heute fortwirkenden Teilung der koreanischen Halbinsel sowie den politischen, gesellschaftlichen und erinnerungskulturellen Folgen des Konflikts.
Bis heute ist die koreanische Halbinsel geteilt. Die Demilitarisierte Zone, die nach dem Koreakrieg von 1950 bis 1953 eingerichtet wurde, trennt die Demokratische Volksrepublik Korea im Norden von der Republik Korea im Süden. Ein Friedensvertrag wurde bis heute nicht geschlossen; der Waffenstillstand vom 27. Juli 1953 beendete die Kampfhandlungen, ließ den Konflikt politisch jedoch ungelöst. Eine Wiedervereinigung beider Staaten erscheint gegenwärtig kaum vorstellbar. Dennoch weist die Situation auf der koreanischen Halbinsel Parallelen zur überwundenen deutschen Teilung auf, gerade an einem Erinnerungsort wie Point Alpha, der die frühere Grenze in Deutschland sichtbar macht.
Zum Auftakt der Veranstaltung waren zwei koreanische Gäste live aus Korea zugeschaltet. Prof. Eui-kon Kim von der Inha University (@인하대학교 - Inha University) nahm die Ursprünge der koreanischen Teilung in den Blick. Nach dem Ende der japanischen Kolonialherrschaft wurde die Halbinsel entlang des 38. Breitengrades in eine sowjetische und eine amerikanische Besatzungszone geteilt. Wenige Jahre später, am 25. Juni 1950, begann mit dem Angriff Nordkoreas auf den Süden der Koreakrieg. Der Angriff erfolgte mit Stalins Billigung und sowjetischer Unterstützung; die Volksrepublik China unter Mao Zedong wurde in die kommunistische Kriegsplanung einbezogen. Unter amerikanischer Führung intervenierten UN-Truppen auf Seiten Südkoreas. Sie drängten Nordkoreas Truppen bis an die Grenzen Chinas zurück, woraufhin China militärisch in den Krieg eingriff. Nach drei Jahren Krieg verlief die Front ungefähr auf Höhe des 38. Breitengrades und damit dort wo der Krieg begonnen hatte.
1953 wurde ein Waffenstillstand geschlossen, der zwar die Kampfhandlungen beendete, aber keine politische Lösung brachte. Beide koreanischen Staaten entwickelten sich danach in entgegengesetzte Richtungen. Während Nordkorea zu einer abgeschotteten kommunistischen Diktatur wurde, erlebte Südkorea nach den Verwüstungen des Krieges einen tiefgreifenden wirtschaftlichen Aufstieg, der später als „Wunder am Han-Fluss“ bekannt wurde. Die südkoreanische Entwicklung war seit den 1960er-Jahren auch mit internationalen Kontakten verbunden. Prof. Kim verwies in diesem Zusammenhang unter anderem auf westdeutsche Kredite sowie auf die Entsendung koreanischer Bergarbeiter und Krankenschwestern in die Bundesrepublik.
Eine Wiedervereinigung Koreas bewertete Prof. Kim als äußerst unwahrscheinlich. Während des Kalten Krieges sei sie durch die Sicherheitsinteressen der jeweiligen Bündnissysteme nahezu ausgeschlossen gewesen. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges hätten sich die Voraussetzungen kaum verbessert. Die Kosten einer Wiedervereinigung wären für Südkorea immens. Zudem sei eine Vereinigung derzeit allenfalls im Zusammenhang mit einem Zusammenbruch des nordkoreanischen Systems vorstellbar. Dabei müssten jedoch auch die Sicherheitsinteressen Chinas berücksichtigt werden, für das Nordkorea weiterhin eine strategische Pufferzone gegenüber den amerikanischen Truppen in Südkorea darstellt.
Einen eindrucksvollen Einblick in die innerkoreanische Debatte über Wiedervereinigung bot Hyanga An, Ausschussmitglied des Korea Young Leaders Forum. Vermutlich hätten alle Koreanerinnen und Koreaner in ihrem Leben schon einmal die Frage gehört, ob sie eine Wiedervereinigung wollten, erklärte sie. „Auf den ersten Blick wirkt diese Frage sehr einfach“, so An gegenüber den Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmern.
Doch je länger die Teilung andauere, desto unterschiedlicher fielen die Antworten aus. Der Wunsch nach Wiedervereinigung sei besonders bei älteren Generationen verbreitet, die direkte oder familiär vermittelte Erinnerungen an Krieg und Teilung hätten. Jüngere Südkoreanerinnen und Südkoreaner nähmen die Teilung dagegen stärker als Alltag wahr und blickten skeptischer auf die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer möglichen Wiedervereinigung. Hyanga An nannte dafür mehrere Gründe: die hohen Lebenshaltungskosten in Südkorea, die Sorge vor zusätzlichen finanziellen Belastungen durch eine Wiedervereinigung und den veränderten Informationszugang jüngerer Generationen. Während frühere Generationen ein gemeinsames Bild von Nordkorea über Schule, Fernsehen und staatliche Erzählungen vermittelt bekommen hätten, informierten sich junge Menschen heute stärker über soziale Medien. Dadurch entstünden vielfältigere, aber auch weniger einheitliche Vorstellungen von Nordkorea.
Dass junge Koreanerinnen und Koreaner grundsätzlich kein Interesse an der Wiedervereinigungsfrage hätten, verneinte An jedoch. Vielmehr nähmen sie eine differenziertere und komplexere Haltung ein. Die Wiedervereinigung sei für sie weniger eine emotionale Selbstverständlichkeit als eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderung.
Auch die Auswirkungen des Koreakrieges auf Deutschland standen im Fokus der Tagung. Der rund 8.500 Kilometer entfernte Krieg löste in der jungen Bundesrepublik erhebliche Kriegsängste aus. Viele Zeitgenossen hatten den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung unmittelbar erlebt. Der Angriff Nordkoreas auf Südkorea ließ daher die Frage aufkommen, ob auch Deutschland zu einem Kriegsschauplatz des Kalten Krieges werden könnte.
Diese Sorge beschränkte sich nicht auf die deutsche Bevölkerung. Auch in Westeuropa und Washington veränderte der Koreakrieg die Wahrnehmung der sowjetischen Bedrohung, die Sowjetunion wurde als Drahtzieher hinter dem Koreakrieg vermutet. Bundeskanzler Konrad Adenauer verband die neue Sicherheitslage mit seinem Ziel durch Westbindung und Wiederbewaffnung mehr Souveränität für die Bundesrepublik zu erlangen. Der Koreakrieg wirkte damit wie ein Beschleuniger der westdeutschen Wiederbewaffnung. Zugleich blieb diese Entwicklung gesellschaftlich stark umstritten. Viele Menschen lehnten eine erneute Aufrüstung wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg entschieden ab, was zu ersten Protesten in der jungen Bundesrepublik führte.
Dr. Florian Pölking von der Ruhr-Universität Bochum nahm den südkoreanischen Umgang mit der eigenen Vergangenheit in den Blick. Die nationale Erinnerung an den Koreakrieg sei bis in die späten 1980er-Jahre stark durch die südkoreanischen Militärdiktaturen geprägt gewesen. Antikommunismus und das Feindbild Nordkorea hätten lange Zeit die offizielle Deutung des Krieges bestimmt. Dadurch seien auch innerkoreanische Gewalterfahrungen und staatliche Repressionen häufig überdeckt oder verzerrt worden. Beispielhaft verdeutlichte Pölking dies am „Jeju-Massaker“. Aus Protesten, politischer Repression und einem bewaffneten Aufstand entwickelte sich ab 1947/48 ein massiver Gewaltkomplex, der von südkoreanischen Sicherheitskräften und paramilitärischen Gruppen brutal niedergeschlagen wurde, wobei eine Schätzung von bis zu 30.000 Opfern ausgeht. Jahrzehntelang wurde Jeju offiziell vor allem als kommunistischer Aufstand gedeutet. Erst die Demokratisierung Südkoreas ermöglichte eine breitere Aufarbeitung.
Auch nach dem Koreakrieg nutzten die autoritären Regierungen Südkoreas das Feindbild des Kommunismus und Nordkoreas, um die eigene Macht zu sichern und oppositionelle Bewegungen zu delegitimieren. Dies zeigte sich besonders bei der Demokratiebewegung von 1980. Die Proteste gegen die Militärregierung wurden als kommunistisch gesteuerter Umsturzversuch diffamiert und in einer der Protesthochburgen, der Stadt Gwangju, im Mai gewaltsam niedergeschlagen. Offizielle und wissenschaftliche Angaben zu den Opferzahlen variieren. UNESCO-Unterlagen nennen 165 Tote, 76 Vermisste, 3.383 Verletzte und 1.476 Verhaftete; zugleich gehen manche Schätzungen deutlich darüber hinaus. Erst nach der demokratischen Wende Südkoreas im Jahr 1987 wandelte sich auch das historische Narrativ. Der Koreakrieg wurde zunehmend nicht nur als militärischer Abwehrkampf gegen den Norden, sondern auch als nationale und menschliche Tragödie begriffen. Gleichzeitig nahmen Bemühungen zu, notleidenden Menschen in Nordkorea Hilfe zukommen zu lassen. Dennoch beobachtet Pölking, dass das antikommunistische Feindbild bis heute nachwirkt. Im offiziellen Gedenken werde der Koreakrieg vielfach als Erfolgsgeschichte des Kampfes für Freiheit und Demokratie erzählt, während die autoritären Diktaturen, die auf den Krieg folgten, weniger stark in den Mittelpunkt rückten.
In der Ausrufung des Kriegsrechts durch den damaligen Präsidenten Yoon Suk-yeol im Dezember 2024 erkannte Pölking einerseits einen Rückfall in autoritäre Handlungsmuster. Andererseits zeigte die schnelle Reaktion von Parlament und Zivilgesellschaft die Widerstandskraft der südkoreanischen Demokratie. Die Nationalversammlung stimmte noch in derselben Nacht einstimmig für die Aufhebung des Kriegsrechts; Yoon hob die Maßnahme wenige Stunden später wieder auf. Im April 2025 wurde er vom südkoreanischen Verfassungsgericht aus dem Amt entfernt.
Vor dem Hintergrund der aktuellen nordkoreanischen Politik erscheint Pölking eine Wiedervereinigung derzeit kaum vorstellbar. Nordkorea hat seine bisherige Wiedervereinigungsrhetorik deutlich zurückgenommen und Südkorea zunehmend als eigenständigen, feindlichen Staat definiert. Neuere Berichte verweisen darauf, dass Nordkorea Verweise auf Wiedervereinigung und nationale Einheit aus seiner Verfassung gestrichen beziehungsweise die Zwei-Staaten-Doktrin weiter verankert hat.
Zum Abschluss der Tagung betrachtete Philipp Metzler einen Teil der deutschen Wiedervereinigungsgeschichte als mögliche Perspektive für Korea: das Grüne Band. Es verläuft auf rund 1.400 Kilometern entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Während der deutschen Teilung war der Grenzstreifen über Jahrzehnte weitgehend von menschlicher Nutzung ausgeschlossen. Dadurch entwickelte sich ein Rückzugsraum für seltene Tier- und Pflanzenarten. Heute gilt das Grüne Band als national bedeutender Biotopverbund und zugleich als Symbol für das Zusammenwachsen nach friedlicher Revolution und Wiedervereinigung.
Auch die koreanische Demilitarisierte Zone ist zu einem solchen Rückzugsraum geworden. Sie weist damit ökologische Parallelen zur ehemaligen innerdeutschen Grenze auf, bleibt zugleich aber ein hochmilitarisierter Raum. Nach Erhebungen, die unter anderem vom Natural History Museum London unter Bezug auf südkoreanische Forschungseinrichtungen zusammengefasst wurden, wurden in Teilen der DMZ 6.168 Tier- und Pflanzenarten erfasst; von 267 gefährdeten Arten auf der koreanischen Halbinsel wurden 102 in der militärisch abgeschirmten Zone nachgewiesen.
Die koreanische DMZ zeigt jedoch auch, welche Hindernisse vor einer solchen Entwicklung überwunden werden müssten: Kriegserbe, Minen, Sperranlagen, Misstrauen, Militärlogik und die Angst vor Flucht. Praktisch müssten beide Seiten bereit sein, Minen zu räumen, militärische Anlagen zurückzubauen und dem Naturschutz Vorrang vor anderen Nutzungsinteressen einzuräumen. Philipp Metzler sieht eine solche Perspektive nur im Rahmen eines positiven Friedensprozesses, in dem sich beide Seiten nicht länger als unmittelbare Bedrohung wahrnehmen.
Gerade hier kann die deutsche Erfahrung als Beispiel dienen. Denn am Grünen Band zeigt sich, was aus einem Todesstreifen werden kann, wenn politische Feindschaft endet: ein Raum der Erinnerung, der Natur und der Zukunft.
주프랑크푸르트총영사관 Generalkonsulat der Republik Korea in Frankfurt