01/06/2026
+++ Eine neue kleine Geschichte von Polizistin Ilse Becker +++
Davidwache, Reeperbahn, Sonntag, 1. Juni 1958
Es ist kurz vor 09:00 Uhr an diesem Sonntagmorgen auf dem Polizeirevier 15. Über St. Pauli liegt bereits die warme Frühsommersonne. Viele Hamburger und Besucher sind seit den frühen Morgenstunden unterwegs gewesen. Einige kommen gerade vom Fischmarkt zurück, andere genießen die frische Luft an den Landungsbrücken oder schlendern durch die Straßen rund um den Hafen.
Polizistin Ilse Becker sitzt an ihrem Schreibtisch und arbeitet die ersten Meldungen des Morgens ab. Die Stimmung auf der Wache ist ruhig. Durch das geöffnete Fenster dringt das tiefe Brummen eines großen Frachters herüber, der sich langsam seinen Weg elbaufwärts bahnt.
Gerade als Ilse einen Bericht über einen Ladendiebstahl fertigstellen will, erscheint ein kleiner Junge in der Tür. Vielleicht sechs Jahre alt, mit einem roten Luftballon in der Hand.
„Entschuldigung“, sagt er höflich. „Ich heiße Michel und habe etwas verloren.“
Ilse lächelt und legt ihren Füllhalter beiseite.
„Ja, und was hast du denn verloren?“
Der Junge schaut kurz auf seinen Luftballon, dann wieder zu Ilse.
„Meine Oma Gerta!"
Für einen Augenblick wird es still im Wachraum.
Ilse bittet den Jungen herein und setzt ihn auf einen Stuhl. Nach einigen Fragen stellt sich heraus, dass er mit seiner Großmutter auf dem Fischmarkt gewesen war. Zwischen den vielen Besuchern, Händlern und Musikanten hatten sich die beiden aus den Augen verloren.
Der wachhabende Beamte greift sofort zum Funkgerät.
„Peter 15/2 von Wache 15. Bitte im Bereich Fischmarkt und Landungsbrücken nach einer älteren Dame Ausschau halten. Vermutlich auf der Suche nach ihrem Enkel.“
Wenige Augenblicke später meldet sich der Streifenwagen. Polizeihauptwachtmeister Uwe Petersen und Polizeihauptwachtmeister Klaus Martens übernehmen die Suche.
Langsam fahren die beiden Beamten entlang der Landungsbrücken und durch die Straßen rund um den Fischmarkt. Vor einer Gaststätte entdecken sie schließlich eine ältere Dame, die sichtlich aufgeregt Passanten anspricht und nach ihrem Enkel fragt.
„Entschuldigen Sie“, sagt Uwe freundlich. „Suchen Sie zufällig einen Jungen mit einem roten Luftballon?“
Die Frau nickt sofort.
„Ja! Haben Sie ihn gesehen?“
„Dann haben wir gute Nachrichten“, antwortet Klaus. „Ihr Enkel wartet bereits wohlbehalten auf der Davidwache.“
Die Erleichterung steht der Frau ins Gesicht geschrieben.
Wenig später hält der Streifenwagen vor dem Revier. Noch bevor die Großmutter ausgestiegen ist, läuft Michel ihr mit seinem roten Luftballon entgegen.
„Oma!“
„Junge, was hast du mir für einen Schrecken eingejagt!“
Sie nimmt ihn fest in die Arme, während Uwe und Klaus zufrieden danebenstehen.
Polizeioberwachtmeisterin Ilse notiert den Vorfall anschließend ordentlich im Wachbuch:
Besonderes Vorkommnis:
Verlorengegangener Enkel nach Trennung im Bereich Fischmarkt durch Streifenwagenbesatzung mit seiner Großmutter wieder zusammengeführt.
Weitere Maßnahmen nicht erforderlich.
Als Ilse den Eintrag beendet, blickt sie aus dem Fenster auf das geschäftige Treiben des Sonntagmorgens.
Manche Einsätze beginnen mit einer Funkmeldung. Andere mit einem kleinen Jungen, der etwas verloren hat. Und manchmal ist das Wertvollste, was man wiederfinden kann, die eigene Oma.
-Ende-