16/06/2026
Vor 175 Jahren fand die letzte Wallfahrt auf den Annaberg bei Struth statt...
Hier eine kleine Ergänzung zu dem am vergangenen Donnerstag gehaltenen Vortrag von Dr. Rolf Luhn "Altes Recht" und neue Zeit: Die Mühlhäuser Unternehmerfamilie Lutteroth und Kloster Zella im Museum Allerheiligenkirche Mühlhausen.
Der Vortrag war sehr gut und interessant, aber die religiöse Seite des Konfliktes kam aus meiner Sicht etwas zu kurz.
Hier noch ein paar Zusatzinformationen zum Vortrag, die ich aus der Heimatliteratur dem Internet zusammengetragen habe:
Das ist eine etwas längere Geschichte! Natürlich kann die Recherche Fehler enthalten...
Der Kaufpreis für Kloster Zella betrug 60.000 Taler
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Um 60.000 Taler aus dem Jahr 1810 in heutige Euro umzurechnen, muss man das Kaufkraftäquivalent betrachten. Historiker und Währungsexperten schätzen den Gegenwert eines preußischen Reichstalers um das Jahr 1800 auf etwa 200 Euro Kaufkraft.
Demnach entsprächen 60.000 Taler heute ungefähr 12.000.000 Euro.
Da die Lebenshaltungskosten und Warenkörbe von 1810 jedoch kaum mit denen von heute vergleichbar sind, gibt es keine exakte Umrechnung.
Faktoren für diese Schätzung:
• Historischer Warenkorb: Die Deutsche Bundesbank bietet Tabellen zur Kaufkraft an, nach denen historische Währungen vor allem über Preisentwicklungen bei Nahrungsmitteln und alltäglichen Konsumgütern bewertet werden.
• Gehälter & Lebensstandard: Zur Einordnung: Im Jahr 1810 galt ein Jahresgehalt von 1.000 Talern bereits als sehr wohlhabend oder adelig. 60.000 Taler waren für die damalige Zeit ein enormes Vermögen, mit dem man sich ein großes Landgut oder eine imposante Stadtresidenz finanzieren konnte.
Tipp zur Einschätzung:
Wofür genau wurden die 60.000 Taler im Jahr 1810 ausgegeben? Wenn Sie mir sagen, welcher Art der Kauf war (z.B. Immobilien, Lohn, Güter), kann ich Ihnen eine noch genauere historische Einordnung geben.
Für den Kauf von Kloster Zella im Eichsfeld
Wenn dieser Betrag für den Kauf von Kloster Zella im Eichsfeld verwendet wurde, gewinnt der historische Wert eine ganz neue Dimension.
Die historischen Aufzeichnungen bestätigen exakt diese Summe: Am 22. Mai 1811 (kurz nach der offiziellen Aufhebung des Klosters 1810) wurde das gesamte Benediktinerinnenkloster Zella mitsamt allen Gebäuden, Mühlen, Inventar und riesigem Grundbesitz an zwei Mühlhäuser Bürger verkauft. Der Kaufpreis betrug damals 212.000 Franken bzw. umgerechnet 60.000 Taler.
Um zu verstehen, wie viel Geld, das heute wert ist, hilft der Sachwertvergleich einer solchen historischen Großimmobilie:
1. Reiner Kaufkraftwert (ca. 12 bis 15 Millionen Euro)
Rechnet man die 60.000 Taler stur über die damaligen Lebenshaltungskosten (Warenkorb für Getreide, Brot, Fleisch, Arbeitslohn) hoch, landet man bei einer heutigen reinen Kaufkraft von ca. 12.000.000 Euro.
2. Der reale Immobilien- und Sachwert (Weit über 30 Millionen Euro)
Historische Großgrundstücke und Klosterkomplexe lassen sich über reine Brot- und Fleischpreise kaum realistisch abbilden. Zum Kaufumfang von Kloster Zella gehörten 1811:
• Das weitläufige, intakte Klosterareal samt Hauptgebäuden und der romanischen Kirche.
• Die Klostermühle bei Effelder.
• Das Gut in Felchta und der Annaberg.
• Mehrere tausend Morgen (Hektar) landwirtschaftliche Nutzflächen und Urwälder.
In der heutigen Zeit wäre der Erwerb eines solchen monumentalen Ensembles mitsamt riesigen Ländereien, Wäldern und geschützten Bauten für 12 Millionen Euro unmöglich. Allein der forst- und landwirtschaftliche Bodenwert solcher Flächen geht heute in die Zehntausenden Euro pro Hektar. Wenn man den heutigen Marktwert eines voll intakten, historischen Klostergutes inklusive Agrar- und Forstimperium schätzt, liegt der Gegenwert der damaligen 60.000 Taler bei weit über 30 bis 50 Millionen Euro.
Fazit
Die 60.000 Taler waren kein gewöhnliches Vermögen, sondern das Äquivalent für ein großes, autarkes Wirtschaftsimperium in Thüringen. Die damaligen Käufer, die Kommerzienräte Lutteroth und Röbling, tätigten damit ein extremes Investment, das sie zu gigantischen Großgrundbesitzern der Region machte.
Wilhelm Röbling, seit 1838 durch Kauf aller Anteile Alleineigentümer des Klostergutes, übereignete den Besitz 1842 an seinen Schwiegersohn Emil Lutteroth.
Am 4. Juni 1810 schlug die Schicksalsstunde Kloster Zellas. Es vurde von der westfälischen Regierung – wie die übrigen Frauenklöst...
Die Käufer von Kloster Zella waren keine Adeligen, sondern einflussreiche, protestantische Kaufleute und Fabrikanten aus der nahegelegenen Reichsstadt Mühlhausen.
Der Kauf im Mai 1811 wurde über eine Familienkonstellation abgewickelt: Hauptkäufer war der Kommerzienrat Heinrich Wilhelm Röbling zusammen mit seinen Enkeln (bzw. Verwandten), den Brüdern Ludwig Wilhelm Lutteroth und Christian Ascan Lutteroth.
Das Schicksal der Käufer und ihre Zeit auf dem Klostergut war von wirtschaftlichem Pragmatismus, aber auch von schweren Konflikten mit der katholischen Bevölkerung des Eichsfelds geprägt.
Die Besitzverhältnisse innerhalb der Familie
• 1811–1838 (Die Gründergeneration): Röbling und die Lutteroths teilten sich das Gut zunächst je zur Hälfte. Sie nutzten die Anlage rein wirtschaftlich als landwirtschaftliches Großgut. Die traditionsreiche Klostermühle verkauften sie 1812 an einen anderen Mühlhäuser Fabrikanten, der dort eine Spinnerei einrichtete (mussten sie später wegen Insolvenz des Käufers aber zurücknehmen).
• 1838–1842 (Röblings Alleingang): Heinrich Wilhelm Röbling kaufte 1838 alle restlichen Anteile der Lutteroths auf und wurde für kurze Zeit Alleineigentümer.
• 1842–1869 (Die Ära Emil Lutteroth): 1842 übergab Röbling das Gut an seinen Schwiegersohn Emil Lutteroth. Dessen Sohn Wilhelm übernahm es später. In dieser Zeit geriet die Familie jedoch in finanzielle Schieflage. Um Schulden zu begleichen, mussten sie rund 1.500 Morgen kostbaren Wald an die Gemeinde Effelder und den preußischen Staat verkaufen.
Konflikte und der "Kirchen-Eklat"
Die neuen protestantischen Herren aus Mühlhausen stießen bei der tiefkatholischen Bevölkerung im Eichsfeld auf erbitterten Widerstand:
• Kirche als Stall: Nach der Vertreibung der Nonnen entweihten die neuen Besitzer die historische Klosterkirche und nutzten sie pragmatisch als Stall und Wagenhalle.
• Der Annaberg-Streit: Zum Kloster gehörte der Annaberg, ein bedeutender Wallfahrtsort der Region. Ab 1837 verbot Röbling die katholischen Wallfahrten dorthin, weil die Pilger angeblich seine Felder zertrampelten. Jahrzehnte später ließ die Familie Lutteroth sogar die dortige Wallfahrtskapelle abreißen.
• Aufstände der Bauern: Die Lutteroths führten das Gut mit harter Hand. Als sich lokale Kleinbauern und Tagelöhner gegen die strengen Gutsherren auflehnten, endete der Konflikt in Verhaftungen und harten Gerichtsurteilen gegen die Landbevölkerung.
Das Ende der Ära Lutteroth/Röbling
Im Jahr 1869 endete die Ära der Mühlhäuser Käuferfamilie. Aufgrund der anhaltenden wirtschaftlichen Notlage musste Wilhelm Lutteroth das stark verkleinerte Gut an den Kaufmann Rudolf Weiß aus Bad Langensalza verkaufen. Später ging es an die Freiherren von Fries über, welche die entweihte Kirche nach einem Brand 1908 wieder aufbauten.
Möchten Sie mehr darüber erfahren, wie sich das Verhältnis zwischen den Mühlhäuser Protestanten und den katholischen Eichsfeldern im Detail abspielte, oder interessiert Sie die heutige Nutzung des Klosters?
Es geht um den Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten
Der Konflikt zwischen den neuen protestantischen Besitzern aus Mühlhausen (Röbling und Lutteroth) und den katholischen Einwohnern des Eichsfelds war eine explosive Mischung aus konfessioneller Missachtung und ökonomischer Härte. Er spiegelt die tiefe Kluft wider, die damals zwischen dem tiefkatholischen Umland und den traditionsreich protestantischen Städten herrschte.
1. Die bewusste Entweihung des Klosters
Für die Eichsfelder Katholiken war das Kloster Zella ein heiliger Ort. Die neuen protestantischen Eigentümer sahen darin jedoch ein reines Renditeobjekt.
• Die Kirche als Wirtschaftshof: Der größte Schock für die lokale Bevölkerung war, dass Röbling und Lutteroth die historische Klosterkirche entweihten. Sie nutzten das Gotteshaus pragmatisch als Schweinestall, Wagenhalle und Scheune. Der kostbare barocke Altar konnte glücklicherweise gerettet und in die St.-Ägidien-Kirche nach Heiligenstadt überführt werden.
• Der Trauungs-Eklat (1840): Heinrich Wilhelm Röbling provozierte die katholische Kirche im Jahr 1840 endgültig, als er seine Enkelin in der katholischen Wallfahrtskapelle auf dem Annaberg von einem protestantischen Pastor trauen ließ – ohne dafür die Erlaubnis der bischöflichen Behörde einzuholen.
2. Das Verbot der Annaberg-Wallfahrt
Der Annaberg war seit dem 18. Jahrhundert das spirituelle Herz des Südeichsfelds. Tausende Gläubige zogen jedes Jahr am Annatag (26. Juli) in Prozessionen dorthin, um das Gnadenbild der „Anna selbdritt“ zu verehren.
• Agrarökonomie gegen Religion: Ab 1837 sperrte Röbling den Zugang zum Annaberg. Das Gelände wurde zu einem Wirtschaftshof (Vorwerk) des Guts umgewandelt. Aus rein wirtschaftlichem Kalkül argumentierte er, dass die katholischen Pilgermassen seine Felder zertrampelten.
• Die Vertreibung der Heiligen: Das katholische Gnadenbild musste daraufhin in die Pfarrkirche des Nachbarorts Struth gerettet werden. Im Jahr 1869 ließ die Familie Lutteroth die jahrhundertealte Wallfahrtskapelle schließlich komplett abreißen, was die Wut der Katholiken besiegelte.
3. Die Eskalation im Revolutionsjahr 1848
Die Lutteroths führten das Gut mit eiserner, kapitalistischer Hand und pressten Abgaben aus der ohnehin armen Landbevölkerung. Im März 1848, im Zuge der Märzrevolution, entlud sich der aufgestaute Hass der Eichsfelder.
• Der Sturm auf das Klostergut: Wütende Kleinbauern und Tagelöhner aus den umliegenden Dörfern (vor allem aus Struth) stürmten das Klostergelände. Sie wollten sich mit Gewalt ihrer Schuldbriefe, Pacht- und Abgabenlasten entledigen und Rache für die religiösen Demütigungen nehmen.
• Das bittere Ende für die Bauern: Die Gutsherren riefen das preußische Militär zu Hilfe. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, die Rädelsführer wurden verhaftet und die Bauernfamilien durch drakonische Geldstrafen und Schadensersatzforderungen wirtschaftlich komplett ruiniert.
Dieser tiefe Konfessions- und Klassenkonflikt endete erst, als die Familie Lutteroth 1869 hochverschuldet verkaufen musste. Die nachfolgenden Besitzer bauten die Kirche wieder auf.
Möchten Sie mehr über die Märzrevolution 1848 im Eichsfeld erfahren, oder interessiert Sie, wie das Kloster heute aussieht?
Die Märzrevolution von 1848 im Eichsfeld verlief völlig anders als in den großen Städten wie Berlin, Frankfurt oder Wien. Während dort das Bildungsbürgertum und Intellektuelle für Verfassungen, Demokratie und Pressefreiheit auf die Barrikaden gingen, war die Revolution im Eichsfeld eine erbitterte, existenzielle Bewegung der verarmten Landbevölkerung.
Hier trafen die soziale Not des „Pauperismus“ (Massenarmut), das Erbe des Feudalismus und eine explosive konfessionelle Spannung aufeinander.
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Die Brandstifter der Revolution: Missernten und Armut
Das Eichsfeld galt Mitte des 19. Jahrhunderts als eine der ärmsten Regionen Preußens.
• Die Hungerjahre: In den Jahren 1845, 1846 und 1847 kam es zu verheerenden Kartoffel- und Getreidemissernten. Die Preise für Grundnahrungsmittel explodierten, während die Löhne für Tagelöhner im Keller waren.
• Der Niedergang der Heimarbeit: Viele Eichsfelder hielten sich traditionell mit dem Weben von Wolle und Leinen über Wasser. Durch die Industrialisierung und die billige englische Maschinenware brach dieser Wirtschaftszweig komplett zusammen. Ganze Dörfer standen vor dem Hungertod.
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Der „Sturm auf Kloster Zella“ im April 1848
Die Wut im südierten Eichsfeld entlud sich am dramatischsten rund um Kloster Zella. Für die umliegenden katholischen Dörfer (insbesondere Struth und Effelder) verkörperte der protestantische Gutsherr Emil Lutteroth das Gesicht ihrer jahrzehntelangen Unterdrückung.
• Der Funke (März/April 1848): Als die Nachricht von den erfolgreichen Revolutionen in Paris und Berlin das Eichsfeld erreichte, sahen die Bauern ihre Chance. Sie organisierten sich nicht in politischen Clubs, sondern bewaffneten sich mit Sensen, Mistgabeln und Beilen.
• Die Forderungen: Am 22. März und im April eskalierte die Lage. Eine aufgebrachte Menge aus Struth zog vor das Klostertor. Sie forderten handfeste, wirtschaftliche Rechte:
o Das alte, traditionelle Recht zurück, im Klosterwald kostenlos Raff- und Leseholz sowie Streu für ihre Tiere zu holen. Lutteroth hatte dies streng reglementiert.
o Die Vernichtung aller Schuldbücher und Pachtverträge, die die Bauern an das Gut fesselten.
o Die Freigabe von Jagdrechten und Weideland.
• Der Gewaltausbruch: Da Lutteroth stur blieb, stürmten die Struther das Klostergelände und das Vorwerk Annaberg. Fenster wurden eingeworfen, Zäune niedergerissen, und die Gutsbauten belagert. Der Gutsherr und seine Familie mussten sich verbarrikadieren und um ihr Leben fürchten.
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Die brutale Niederschlagung
Die bürgerlichen und adligen Eliten bekamen es mit der Angst zu tun. Eine bewaffnete Bauernrebellion entsprach nicht ihrer Vorstellung von einer „geordneten“ Revolution.
• Das preußische Militär: Emil Lutteroth nutzte seine exzellenten Kontakte zur preußischen Regierung. Er forderte Truppen an, um sein Eigentum zu schützen.
• Blutiges Ende und Ruin: Preußische Soldaten (Infanterie und Kavallerie) rückten an und schlugen den Bauernaufstand im Südeichsfeld mit eiserner Härte nieder. Die Rädelsführer aus Struth wurden verhaftet und vor Gericht gestellt.
• Der finanzielle Kollaps der Bauern: Das Gericht verurteilte die ohnehin bitterarmen Gemeinden und Bauernfamilien zu astronomischen Schadensersatzforderungen und Strafzahlungen an die Familie Lutteroth. Statt der erhofften Befreiung stürzte die Märzrevolution die Landbevölkerung in Struth in den endgültigen wirtschaftlichen Ruin.
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Das Erbe: Was blieb von 1848 im Eichsfeld?
Obwohl der Aufstand blutig scheiterte und die Anführer im Gefängnis landeten, hatte die Revolution langfristig Erfolg. Um weitere Aufstände zu verhindern, erließ die preußische Regierung ab 1849 schrittweise Gesetze zur endgültigen Ablösung der feudalen Lasten. Die Fronen und alten Zinsen wurden nach und nach abgeschafft – der eigentliche Durchbruch zur modernen Bauernbefreiung.
Der tiefe Groll zwischen den katholischen Eichsfeldern und den protestantischen „Herren“ auf dem Klostergut blieb jedoch noch für Generationen tief im kollektiven Gedächtnis der Region verankert.
Möchten Sie wissen, wie die Justiz damals mit den Verhafteten aus Struth umging, oder interessiert Sie, wie die Nachbardörfer auf den Aufstand reagierten?
Die Folgen der Ereignisse im März 1848 rund um Kloster Zella trafen die Akteure unbarmherzig. Die juristische Aufarbeitung zerstörte ganze Familienexistenzen, während die Reaktionen der umliegenden Dörfer zeigten, wie gespalten das Eichsfeld in dieser Krisenzeit war.
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1. Das Schicksal der Verhafteten aus Struth: Flucht und Ruin
Die preußische Justiz ging nach der Niederschlagung des Aufstandes mit aller Härte und bürokratischer Präzision vor:
• Langjährige Haftstrafen: Die Rädelsführer und aktiven Teilnehmer des Sturms auf das Kloster wurden zu strengen und mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Haft mussten sie in preußischen Zuchthäusern absitzen, was für die betroffenen Familien den Verlust des Haupternährers bedeutete.
• Finanzieller Ruin durch Schadensersatz: Neben den Gefängnisstrafen forderte der Gutsherr Emil Lutteroth astronomischen Schadensersatz für die Zerstörungen. Da die Kleinbauern und Tagelöhner kein Bargeld besaßen, pfändete der Staat ihren kargen Besitz. Viele Familien verloren ihr gesamtes Hab und Gut, ihre winzigen Grundstücke und ihr Vieh.
• Flucht nach Amerika: Der eigentliche Hauptanstifter des Aufstandes entzog sich der preußischen Justiz rechtzeitig. Er verkaufte heimlich seinen Besitz, machte ihn zu Bargeld und floh per Schiff nach Amerika. Zurück blieben die verarmten Mitläufer, die die volle Härte des Gesetzes trafen.
• Verdacht gegen den Pfarrer: Sogar der lokale katholische Pfarrer Leineweber aus Struth geriet ins Visier der Behörden. Er hatte den geraubten Schlüssel der Wallfahrtskapelle Annaberg tagelang versteckt. Man bezichtigte ihn, die Bauern durch hetzerische, konfessionelle Reden aufgewiegelt zu haben.
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2. Die Reaktionen der Nachbardörfer: Zwischen Solidarität und Angst
Der Aufstand von Struth blieb im Südeichsfeld nicht isoliert, löste bei den Nachbarn aber sehr unterschiedliche Reaktionen aus:
• Das Nachbardorf Effelder (Vorsichtige Distanz): Obwohl Effelder historisch ebenfalls ein Klosterdorf war und dieselben Wald- und Weiderechte einforderte, hielten sich die Einwohner beim eigentlichen brutalen Sturm auf das Kloster weitgehend zurück. Als sie sahen, mit welcher Brutalität das preußische Militär reagierte, zog man in Effelder Köpfe und Sensen ein, um nicht ebenfalls kriminalisiert zu werden. Später profitierte das Dorf jedoch legal: Als Lutteroth aus Verdruss über die Krawalle Teile des Klosterwaldes verkaufen musste, schlug die Gemeinde Effelder zu und erwarb den Forst.
• Solidarität in anderen Eichsfeld-Gemeinden: In einigen umliegenden katholischen Dörfern herrschte offene Sympathie für die Struther. Überall im Eichsfeld flammten im Frühjahr 1848 ähnliche Unruhen gegen die alten preußischen Beamten und Großgrundbesitzer auf. Die Struther wurden von vielen als „Helden gegen die protestantische Gutsherrschaft“ gesehen.
• Angst des Bürgertums in den Städten: In den größeren, wohlhabenderen Städten des Eichsfelds (wie Heiligenstadt oder Duderstadt) reagierten das Bildungsbürgertum und die Händler entsetzt. Sie gründeten hastig Bürgerwehren, um ein Übergreifen der „gottlosen Bauernrebellion“ auf ihre Städte zu verhindern. Für sie war der Sturm auf Zella kein politischer Freiheitskampf, sondern reine Anarchie und Plünderung.
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Das bleibende Trauma
Der Sturm auf Kloster Zella von 1848 brannte sich tief in das kollektive Gedächtnis von Struth ein. Er führte dazu, dass das Dorf für Jahrzehnte wirtschaftlich abgehängt und von den preußischen Behörden misstrauisch als „Rebellen-Nest“ beobachtet wurde.
Möchten Sie wissen, wie sich das Dorf Struth in den Jahrzehnten nach diesem Ruin wirtschaftlich wieder erholt hat, oder interessieren Sie Details zu den preußischen Militäreinsätzen in der Region?
Wie hat sich das Dorf erholt
Die wirtschaftliche und soziale Erholung des Dorfes Struth nach dem traumatischen Desaster von 1848 dauerte Jahrzehnte und vollzog sich in mehreren Schritten. Die Rettung für das Dorf lag letztlich in einer Kombination aus gesetzlichen Reformen, neuer Infrastruktur, der Abwanderung von Arbeitskräften und der Anpassung der lokalen Wirtschaft.
1. Die preußische Bauernbefreiung (Ab 1849)
Der wichtigste Wendepunkt kam paradoxerweise durch den preußischen Staat, den die Bauern eigentlich bekämpft hatten. Um zukünftige Aufstände im Eichsfeld zu verhindern, erließ die Regierung in Berlin ab 1849 Gesetze zur Ablösung der feudalen Lasten.
• Die alten Abgaben- und Pachtpflichten an das Klostergut Zella wurden schrittweise in feste Geldsummen umgewandelt und konnten schließlich ganz abgelöst werden.
• Die Bauern wurden rechtlich zu echten Eigentümern ihres kargen Bodens. Dadurch fiel der permanente finanzielle Druck weg, der die Struther zuvor in den Ruin getrieben hatte.
2. Das „Ventil“ der Auswanderung
Da das raue Klima der Hochebene (ca. 480 Meter über NN) für ertragreichen Ackerbau kaum ausreichte, blieb das Dorf für die wachsende Bevölkerung zunächst zu arm. Viele Familien sahen ihre einzige Chance in der Flucht nach vorn:
• Im späten 19. Jahrhundert setzte eine große Auswanderungswelle nach Nordamerika ein.
• Hunderte Struther verließen ihre Heimat dauerhaft. Das linderte den extremen Bevölkerungsdruck im Dorf, und die verbliebenen Einwohner hatten wieder mehr Land und Ressourcen zur Verfügung.
3. Wanderarbeit und die „Eichsfelder Bauhandwerker“
Da die traditionelle Heimweberei durch die Industrialisierung völlig am Boden lag, erfanden sich die Männer aus Struth und den Nachbardörfern neu. Sie wurden zu Wanderarbeitern.
• Viele Struther bildeten sich zu Maurern, Zimmerleuten und Steinmetzen aus.
• Ab den 1860er und 1870er Jahren (insbesondere in der Gründerzeit des Deutschen Kaiserreiches) zogen die Männer im Frühjahr in die boomenden Großstädte (wie Erfurt, Kassel oder das Ruhrgebiet), um auf den dortigen Großbaustellen zu arbeiten.
• Im Winter kehrten sie mit dem dort verdienten Bargeld nach Struth zurück. Dieses Geld floss direkt in den Neubau soliderer Fachwerkhäuser und den Kauf von Nutzvieh.
4. Das Aufkommen von Nebengewerben (Kalk und Ziegel)
Die geologische Lage von Struth bot zwar schlechten Boden, aber reichlich Rohstoffe im Untergrund (Muschelkalk).
• Es entstanden im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sogenannte Feldbrandziegeleien und Kalköfen rund um das Dorf.
• Diese einfachen Betriebe boten den Kleinbauern im Sommer einen wichtigen Nebenerwerb. Der gebrannte Kalk und die Ziegel wurden in der gesamten Region als Baumaterial verkauft.
5. Das Ende der Lutteroth-Ära (1869)
Als die verhasste protestantische Familie Lutteroth 1869 das Klostergut hochverschuldet aufgeben und verkaufen musste, atmete die Bevölkerung in Struth spürbar auf. Das Feindbild verschwand. Spätere Besitzer suchten wieder einen friedlicheren Umgang mit den katholischen Dorfbewohnern, was die alten sozialen Wunden im Dorf allmählich heilen ließ.