18/08/2026
Er singt zweihundert Lieder. Keines davon ist seins.
Der Star auf deinem Dachfirst imitiert, speichert und führt die Gesänge jedes Vogels in seiner Umgebung auf, dazu Handyklingeltöne, Autoalarme, das Bellen des Nachbarhundes und das Quietschen deines Garagentors.
Ein Männchen kann in einer einzigen Gesangssitzung durch Dutzende verschiedene Gesangstypen wechseln: Mäusebussard-Pfiff, Grünspecht-Lachen, Pirol-Flöten, Kiebitz-Rufe, Schwalben-Gezwitscher, und dazwischen ein Geräusch, das exakt wie ein iPhone-Klingelton klingt. Die ständigen Wechsel sind das Erkennungsmerkmal. Wenn du vom selben Sitzplatz aus innerhalb von zehn Sekunden einen Bussard, einen Specht und einen Klingelton hörst, ist das ein Star.
Warum er imitiert: Das Weibchen wählt das Männchen mit dem größten Repertoire. Mehr Imitationen bedeuten mehr Erfahrung, mehr Reviere gesehen, mehr Gesänge gehört, mehr Überwinterungen in Afrika überlebt. Sein Gesang ist sein Lebenslauf. Je voller, desto attraktiver.
Er singt am frühen Morgen. Auf dem Dachfirst, auf der Fernsehantenne, auf dem Schornstein, immer vom höchsten Punkt. Der Star, der dich um halb fünf weckt, sitzt dort oben und bewirbt sein Revier und sich selbst.
Die berühmteste Verbindung: Wolfgang Amadeus Mozart kaufte 1784 in Wien einen Star, weil der Vogel im Laden ein Thema aus seinem Klavierkonzert Nr. 17, KV 453, pfiff, mit einer eigenwilligen Abwandlung. Mozart notierte den Fehler am Rand und schrieb dazu: "Das war schön." Als der Vogel drei Jahre später starb, veranstaltete Mozart ihm eine feierliche Beerdigung.
Im Herbst zeigt der Star etwas, das kein anderer deutscher Vogel zeigt: den Schwarmflug. Tausende bis hunderttausende Stare fliegen vor Sonnenuntergang in riesigen, sich ständig verformenden Wolken über dem Schlafplatz. In Dänemark nennen sie es "Sort Sol", Schwarze Sonne. In Deutschland kann man es an der Nordseeküste, an großen Schilfgebieten und an einigen Schlafplätzen im Binnenland beobachten, am spektakulärsten im Oktober und November.
Vogel des Jahres 2018 in Deutschland. Trotz seiner Häufigkeit gehen die Bestände zurück, weil die Insektennahrung fehlt und alte Bäume mit Bruthöhlen verschwinden.
Was ihm hilft: Nistkästen mit 45 Millimeter Einflugöffnung, größer als für Meisen. Obstbäume stehen lassen, Stare lieben Kirschen und Beeren. Wiesen nicht zu früh mähen, damit er Insekten für die Jungen findet.
Zweihundert Lieder. Null Originale. Jedes gestohlen. Jedes perfekt.