14/10/2026
Manche Dinge verschwinden nicht, nur weil man sie unter den Teppich kehrt.
1962: Siebzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Deutschland befindet sich im Wiederaufbau, die nationalsozialistische Diktatur gehört der Vergangenheit an.
Doch was ist mit den Menschen, die sie getragen haben?
Mit ihren Überzeugungen, ihren Netzwerken und ihrer Verantwortung?
Erich Maria Remarque findet in einem Interview mit Heinz Liepman deutliche Worte:
»Das Zögern bei der grundsätzlichen Ausmerzung dieser Leute stört mich zutiefst. Man kann alten Dreck nicht vergraben, er fängt immer wieder an zu stinken.«
Remarque wusste, wovon er sprach. Seine Bücher wurden 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt, er selbst wurde ausgebürgert und ins Exil getrieben. Seine Schwester Elfriede wurde 1943 vom NS-Regime zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Und während die junge Bundesrepublik nach vorne blickte, blieben zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten in gesellschaftlichen und staatlichen Schlüsselpositionen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit verlief vielerorts schleppend.
Was verdrängt wird, ist nicht automatisch überwunden.
Mehr als sechs Jahrzehnte später haben Remarques Worte nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren.
Denn auch heute stellt sich die Frage:
Was geschieht, wenn menschenfeindliche Ideologien verharmlost werden?
Wenn ihre Sprache zunehmend zum Alltag gehört?
Wenn wir glauben, dass sich demokratiefeindliche Überzeugungen schon von selbst erledigen werden?
Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber sie zeigt, welche Folgen es haben kann, wenn Verantwortung verdrängt und gesellschaftliche Entwicklungen unterschätzt werden.
Erinnerung allein schützt nicht vor Wiederholung. Entscheidend ist, was WIR aus ihr machen.
📰 Erich Maria Remarque im Gespräch mit Heinz Liepman: »Remarque und die Deutschen« (30. November 1962, Zürcher Zeitung).