11/04/2026
Heute ein wunderbarer Artikel in der PNN zu unserer derzeitigen Ausstellung:
Vergessene Schätze aus dem Keller: Fotografin Susanne Müller verabschiedet mit besonderen Aufnahmen von Potsdam
Die Fotografin Susanne Müller ist seit 1988 mit Potsdam verbunden: erst künstlerisch, dann mit einem Schokoladenladen. Jetzt verabschiedet sie sich mit einer Fotoausstellung im Kunst-Kontor.
Von Tabea Hamperl
Stand: heute, 17:18 Uhr
Wenn man das Leben fotografieren möchte, ist es hilfreich, wenn man die Fähigkeit besitzt, sich unsichtbar zu machen, weiß Susanne Müller. Sie hat das rund dreißig Jahre lang professionell getan, bevor sie ihre fotografische Karriere 2002 abrupt abbricht. Rund zwanzig Jahre haben ihre Fotos unberührt in Schubladen und Kellerräumen gelagert, als Müller sie vergangenes Jahr wieder hervorholt.
Eine Auswahl von ihnen zeigt sie nun im Kunst-Kontor in ihrer Ausstellung „Hey Schnecke … wann sind die Bilder fertig“, bevor sie nach fast vierzig Jahren Potsdam in ihre Heimatstadt Erfurt zurückkehrt.
Die Erinnerungen, die mit dem Blick in die Kisten zurückkommen, sind nicht nur positiv, das Wiedersehen mit den Bildern sei mit „Rotz und Wasser“ verbunden. Unter anderem wegen erhebender Momente wie ihrer Teilnahme an der „X. Kunstausstellung der DDR“ in Dresden 1987 neben künstlerischen Größen wie Wolfgang Mattheuer und Arno Rink. Erstmals wurde hier die Fotografie auf den Rang klassischer Kunstgenres gehoben.
Fotografie mit Folgen
Aber auch wegen negativer Erlebnisse wie bei der Serie, die für sie ihre Geschichte mit Potsdam am genauesten beschreibt. Direkt nach dem Mauerfall, ein Jahr in Potsdam, beginnt Müller vier Jahre lang, das Leben und den Abzug der Roten Armee aus Brandenburg zu dokumentieren.
Zurückgekehrt aus der Kaserne in der Nedlitzer Straße, unweit der Ausstellung, ist sie erschrocken und berührt von den bangen Gesichtern der jungen Soldaten, die ihr in der Dunkelkammer entgegenblicken – und die so gar nichts mit den stolzen Soldaten zu tun haben, von denen ihr in der Schule erzählt wurde. Müller will mehr über sie erfahren.
Potsdam Heute Newsletter
Der Newsletter aus der PNN-Chefredaktion. Wissen, was in Potsdam wichtig ist — kostenlos freitags in Ihrer Mailbox.
E-Mail-Adresse
kostenlos anmelden
Ich bin damit einverstanden, dass mir per E-Mail interessante Angebote des Tagesspiegels unterbreitet werden. Meine Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Die Intensität spürt man noch heute vor den Bildern: heruntergekommene Unterkünfte, karges Mittagessen und ernste Augen statt Heldenstolz. Vertrauen muss man sich als Fotograf erarbeiten. Susanne Müller macht viele hunderte, vielleicht tausende Bilder, fährt an Standorte ohne Aussicht auf verwertbare Fotos, beobachtet. Es sind nicht die offiziellen Termine oder die Offiziere, die sie interessieren, sondern die Soldaten.
Die Ausstellung
„Hey Schnecke … wann sind die Bilder fertig?“ von Fotografin Susanne Müller ist bis zum 19. April in der Galerie KUNST-KONTOR zu sehen. Am 11. und 12. April zwischen 15 und 18 Uhr können Besuchende die Künstlerin bei Kaffee und Kuchen zwischen den Bildern treffen. www.kunst-kontor-sehmsdorf.de
Susanne Müller "Küche, Kartoffelschälen, Nedlitz 1990"
Einer der Soldaten in Potsdam-Nedlitz beim Kartoffelschälen 1990. © Susanne Müller
Am Ende dieses Projekts passiert etwas, über das es ihr noch heute schwerfällt, zu sprechen: Ein Kommandant lädt sie zum Essen ein. Es gibt Wodka, eine Umarmung im Türrahmen – und einen Filmriss. Müller wacht unbekleidet in dem Bett des Kommandanten wieder auf. Von einem Arzt erfährt sie später, dass ihr K.-o.-Tropfen verabreicht wurden.
Potsdam, 07.04.2026, Lokales,
Susanne Müller, Susanne Mueller, Fotografin, Blick in die Ausstellung mit Fotografien in der Galerie Kunst-Kontor,
Foto: Ottmar Winter PNN
ACHTUNG:
Foto ist ausschließlich für redaktionelle Berichterstattung der PNN und des TGSP! Eine kommerzielle Nutzung, z.B. Werbung, ist ausgeschlossen. Die Weitergabe an nicht autorisierte Dritte, insbesondere eine weitergehende Vermarktung über Bilddatenbanken, ist unzulässig.
Blick in die Ausstellung „Hey Schnecke … wann sind die Bilder fertig?“ © Ottmar Winter PNN/Ottmar Winter PNN
Es ist nicht das einzige Mal, dass ihre Fotografie persönliche Folgen für sie hat. Bereits Anfang der 1980er Jahre, als sie die aufkommende Punkbewegung in der DDR fotografiert, beginnt die Staatssicherheit, sie unter Druck zu setzen. Als sie sich weigert, die jungen Leute für sie auszuspionieren, holt die Stasi ihren knapp eineinhalb Jahre alten Sohn aus der Obhut der Kinderfrau und verwüstet Müllers Fotolabor: „Die schlimmste Nacht meines Lebens“, sagt sie.
Susanne Müller aus "Ost-Punks"
Wegen ihrer "Ost-Punks"-Serie setzt die Staatssicherheit Susanne Müller unter Druck. © Susanne Müller
Die traumatisierenden Ereignisse lähmen sie eine Zeit lang, stoppen tun sie sie nicht. Nach einer Pause von ihrem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig macht sie 1986 ihr Diplom. Aus der Verarbeitung ihres Erlebnisses mit dem Kommandanten entsteht ein neues Fotoprojekt: Single-Männer. Die fotografiert sie in selbst gewählter Pose auf oder nahe ihrem Bett – eine intime Serie zu einem damals noch verrufenen Thema.
Lebenserfahrung ist beim Fotografieren ganz wichtig.
Fotografin Susanne Müller
Die Neugier, die sie bereits zur Fotografie gebracht hat, treibt sie an, weiterzumachen. „Meine Zwillingsschwester hat gelesen. Ich habe Bilder angeschaut und aus dem Fenster geguckt“, sagt sie. Erste Fotos macht sie mit einer kleinen Knipse im Familienurlaub; ernster wird es, als sie durch ihre ebenfalls fotografierende Mutter dazu ermutigt wird. Müllers Fotos von der Internationalen Friedensfahrt in Erfurt belegen im Wettbewerb der regionalen Zeitung den ersten und dritten Platz.
Potsdam, 07.04.2026, Lokales,
Susanne Müller, Susanne Mueller, Fotografin, Ausstellung mit Fotografien in der Galerie Kunst-Kontor,
Foto: Ottmar Winter PNN
ACHTUNG:
Foto ist ausschließlich für redaktionelle Berichterstattung der PNN und des TGSP! Eine kommerzielle Nutzung, z.B. Werbung, ist ausgeschlossen. Die Weitergabe an nicht autorisierte Dritte, insbesondere eine weitergehende Vermarktung über Bilddatenbanken, ist unzulässig.
Am 11. und 12. April ist Susanne Müller zwischen 15 und 18 Uhr vor Ort. © Ottmar Winter PNN/Ottmar Winter PNN
„Das Leben bringt die Themen“, sagt Müller. Nicht selten beziehen sie sich auf existenzielle Lebenserfahrungen: Für ihre Diplomarbeit fotografiert sie – selbst schwanger – in beeindruckenden Bildern ungeschönt eine Geburt mitsamt Körperflüssigkeiten, Schmerz und Glück. Später begleitet sie Leni Magdalena F. beim Sterben – nicht nur fotografisch, sondern auch als Mensch. „Ich habe auch eine Verpflichtung als Fotografin“, sagt sie.
Sie selbst sieht sich in der Tradition künstlerischer, sozial-dokumentarischer Fotografie im Sinn von Henri Cartier-Bresson und Evelyn Richter, der „Grand Dame“ der sozialen Fotografie, bei der sie studiert hat.
Mauerfall bringt neue Freiheiten – aber auch Probleme
Den Mauerfall beschreibt Susanne Müller zusammen mit der Geburt ihres Sohnes als die größten Ereignisse ihres Lebens. Für ihre Fotografie bedeutet der Umbruch größere künstlerische Freiheit, die sie nach Kuba reisen lässt, aber auch ein neuer finanzieller Druck. Und nicht lange danach kulminiert eine Reihe von Entwicklungen, gegen die auch ihre Neugier nicht mehr ankommt.
Susanne Müller "Idas Töchter"
"Idas Töchter" (Ausschnitt) ist Susanne Müllers letzte Arbeit. © Susanne Müller
Auf einmal merkt Müller, dass sie nicht mehr so frei fotografieren kann, wie sie es gewohnt ist: Seit Prinzessin Dianas Tod scheinen die Menschen auf der Straße Fotografen nur noch als Paparazzi wahrzunehmen. Und auch die aufkommende Digitalfotografie widerspricht ihrem Ansatz.
Der berühmte Tropfen ist der 75. Jahrestag der Gedok, einem Künstlerinnen-Netzwerk, in Potsdam 2002. Zur Bewerbung ist Müllers Foto-Triptychon „Idas Töchter“ ausgewählt worden: Aktfotos von drei Frauen-Generationen. Plötzlich werden an ihr vorbei Bedenken geäußert, die Bilder seien zu anstößig. Der Druck wurde gestoppt, die Arbeit ausgetauscht. Müller fühlt sich vom Kulturministerium, dem Hauptförderer, zensiert und vom Verband im Stich gelassen – und stellt ihre Kamera dauerhaft beiseite.
2005 findet Müllers Neugier ein neues Feld zur Erkundung: Im Holländischen Viertel eröffnet sie den kleinen Feinkost-Schokoladenladen „SchokoKunst“, den sie zwölf Jahre lang betreibt.
Mehr zum Thema Kunst in Potsdam
Im Strudel der Geister Hella De Santarossa stellt im Potsdamer Fluxus-Museum aus
„In die Ruhe fallen“ Nachwuchspreisträgerin Brandenburgischer Kunstpreis im Potsdamer Kulturministerium
„Die Welt ist doch wunderschön, oder?“ Warum der Künstler Stephan Velten keine Lust hat, aus Krankheit ein Tabu zu machen
Heute ist die Fotografie für Susanne Müller vor allem ein Rückblick in die Vergangenheit. Doch wenn sie unterwegs ist, merkt sie: „Die Finger kribbeln. Ich müsste jetzt doch ein Foto machen.“ Eine kleine Leica mit guten Objektiven wäre ihr Traum – eine Kamera, die sie immer bei sich haben kann.