07/10/2026
Rothenburger Diskurs am Campus:
„Raum und Traum“
Am 16. Oktober 2026, 19 Uhr, spricht Prof. Dr. Michael
Mönninger im Hörsaal des Campus Rothenburg am
Hornburgweg 26. Mönninger zählt deutschlandweit zu den
namhaftesten Architekturkritikern.
Den Wert des Schlafs als Zugang zu einer höheren Wirklichkeit schätzten die französischen Surrealisten so sehr, dass der Schriftsteller Saint-Pol-Roux, wenn er sich morgens niederlegte, an
seiner Tür ein Schild anbrachte: „Le poéte travaille - der Dichter arbeitet.“ Die surrealistische Feier von Schlaf und Traum bildete einen Höhepunkt in der Kulturgeschichte der menschlichen Weltabwesenheit. Der rätselhafte Geisteszustand des totalen Kontrollverlustes war zu allen Zeiten ebenso tief bewegend wie irritierend. Die Wehrlosigkeit Schlafender in ihrem verletzbarsten Zustand räumlich zu schützen müsste eigentlich ein zentrales Motiv der menschlichen Weltherstellung sein.
Aber so ist es nicht. Wenn Architekten:innen sich heute dem Schlaf widmen, kommen räumlich meist nur Normgrundrisse und Minimalzuschnitte heraus, wie sie in der Moderne entwickelt wurden. Daher braucht es einen Überblick über empathischere Zugänge zur Nachtseite des Lebens, die erstaunlicherweise sehr selten sind. Die gering geschätzte Arbeit der Designer von Appartments und Hotels, die sich energisch um Räumlichkeit, Möblierung, Dekoration und Atmosphäre von Schlafräumen bemühen, sollte endlich auch baugeschichtlich und kulturwissen
schaftlich ernst genommen werden.
Die Suche nach der optimalen Beherbergung des Schlafes bewegt sich zwischen der architektonischen Monumentalform des normannischen Burgenbaus, der eine Inspiration für Louis
Kahn war, und den schwebendenden Raumkapseln, mit denen sich die Wiener Aktionisten Coop Himmelb(l)au auf die nächtliche Himmelfahrt begeben. Wenn es eines Tages gelingen sollte, die
Architektur von ihrer Nachtseite des Schlafes her zu verstehen, werden ihre Nutzer:innen auch im Tageslicht davon profitieren.
Für ein umfassendes Verständnis des Schlafes gehört ein Blick auf seine historischen Epochen der Verehrung und Verdammung.
Schlafenden drohte stets Unheil - wie dem geblendeten Polyphem,
der enthaupteten Medusa oder dem wahnsinnig gewordenen Dionysos. Dagen hielten Plato und Aristoteles die regelmäßige Geistesnacht für unvereinbar mit der attischen Ethik der Wachsamkeit und predigten das Dauerwachsein. Die Schlafverachtung vererbte sich im Laufe der Jahrhunderte
von der klassischen römischen Zeit über Luther bis hin zu den Aufklärern des 18. Jahrhunderts. Den Höhepunkt markierte Napoleon mit dem Ausspruch. „Der Mann schläft vier Stunden, die Frau fünf, der Idiot sechs.“
Doch gegenläufig dazu entwickelte sich der Schlafgott Hypnos in der Kunst und Dichtung zum Lieblingsgott der Musen. Schon die Spätantike sah den Schlaf als Begegnung mit den Göttern und
maß ihm sogar seherische Kräfte bei. Mystiker und Magier verteidigten die archaische Kreativität des Schlafs als Idylle aus einer früheren menschlichen Kulturstufe. In der beginnenden Moderne stieg der Schlaf schließlich zum Königsweg bei der Erforschung des Unbewussten auf. Und die Nobilitierung der träumerisch-genialen Bewusstlosigkeit reichte vom Magnetismus-Forscher Mesmer über Lord Byron, Heine, Rilke und Sigmund Freud bis Thomas Mann, Walter Benjamin und Peter Sloterdijk. Es geht beim Schlaf nicht um das bloße Ausspannen, Ausruhen und Regenerieren, sondern um eine existenzielle anthropologische Universalie, die die Grundlage für unser Wachbewusstein, unsere Rationalität und unser Weltverhältnis darstellt.
Die neuere wissenschaftliche Schlafforschung gerade im angelsächsischen Raum arbeitet nicht mehr nur mit EEG-Messungen und Schlaflaboren, sondern unterhält verblüffende Kooperationen mit ostasiatischen Meditationsschulen, Bewusstseinslehren und Achtsamkeitstherapien, um
mentale Zustände zu erforschen, die weit über Ich-Identität, Subjektivität und Intentionalität hinausgehen. Dort werden Schlaf, Meditation und Gebet als verwandte Ausdrucksformen
verstanden, in denen sich das Alltags-Ich als profunde Illusion entpuppt. Das bringt das Thema auf ein ganz neues, noch unübersehbares Feld angewandter Neurowissenschaften und
Kognitionsforschung. Die Beantwortung der Frage, ob dies dazu beiträgt, die großen Rätsel zu klären, die wir das Unverfügbare, Nicht-Identische, Numinose, Kontingente, Unaussprechliche
nennen, wäre aller Anstrengungen wert. Die Erhöhung der Lebensqualität entnächtigter, daueraktiver, aufmerksamkeitsgestörter, depressiver Gesellschaften könnte dabei ein erfreulicher Nebeneffekt sein.
Michael Mönninger (*1958 in Paderborn) lehrt an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig „Geschichte und Theorie der Bau- und Raumkunst“. Nach seinem Studium der Germanistik, Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte in Frankfurt
am Main und Karlsruhe und früher journalistischer Tätigkeit wurde er 1995 in Karlsruhe bei Heinrich Klotz und Hans Belting über Kunsttheorie im 19. Jahrhundert promoviert. Von 1986 bis 2007 Redakteur, Architekturkritiker und Auslandskorrespondent unter anderem bei F.A.Z., SPIEGEL und DIE ZEIT.
1995-1996 Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.
1999-2000 Lehrstuhlvertretung für Friedrich Achleitner an der Universität für Angewandte Kunst Wien.
Seit 2007 Universitätsprofessor für Geschichte und Theorie der Bau- und Raumkunst an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig.
Forschungsschwerpunkte: Städtebau zwischen Historismus und Moderne, Raumtheorie, Architekturanthropologie.
Michael Mönninger ist u.a. Herausgeber der Camillo Sitte Gesamtausgabe. Bd. 1 – 6 (Böhlau Verlag, Wien-Köln-Weimar 2003-2014).
Im Tagungsband „Der Rothenburger Weg“ publizierte er
2023 den Beitrag „Die Ökonomie des Pittoresken“. Mönninger ist regelmäßiger Architekturkritiker und Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Prof. Dr. Michael Mönninger macht am 16. Oktober den Auftakt zur diesjährigen Diskurs-Reihe am Campus Rothenburg, die im Wintersemester 2026/27 unter dem Oberthema „Der Sinn des
Lebens“ steht.
Veranstaltungsort: Hörsaal „Gym“ des Campus Rothenburg,
Hornburgweg 26, 91541 Rothenburg ob der Tauber
Weitere Termine:
13. November 2026, 19 Uhr Anna Kaindl M.A., „Wer steuert wen? Sinnfragen im Zeitalter von KI & Digital Marketing“
29. Januar 2027, 19 Uhr Dr. Oliver Gußmann, „Pilgern und Sinnsuche“
26. Februar 2027, 19 Uhr Prof. Dr. Katharina Klug, „Lässt sich Sinn kaufen? Der (Un-)Sinn des Konsumierens“
Alle Rothenburger Diskurse am Campus Rothenburg werden seitens der Stadt Rothenburg ob der Tauber und des Campus Rothenburg der Hochschule Ansbach kostenfrei angeboten.