23/04/2026
Aurich-Engerhafe
Drei Tage nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 verfasste der Oberbefehlshaber des Marineoberkommandos (MOK) Nordsee einen Bericht, der die besondere Dringlichkeit des Schutzes der deutschen Küste betonte und vor der Gefahr einer alliierten Invasion im Kernland warnte. Am 28. August 1944 erging schließlich ein Führerbefehl über den Ausbau der deutschen Küste. Dieser legte auch die Kompetenzen fest: Die Entscheidungen über militärische Fragen – wie Verlauf der Linien – lagen beim MOK Nordsee, während für den Ausbau und insbesondere die Arbeitskräftebeschaffung der Reichsverteidigungskommissar des Wehrkreises X, der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann, zuständig war. Den Ausbau sollte die Organisation Todt (OT) in Absprache mit Kaufmann leiten.
Dringlichkeit hatte zunächst der Bau der ersten Linie direkt an der Küste, der bis zum 1. November abgeschlossen sein sollte. Anschließend sollte bis Januar 1945 eine zweite Linie etwa zehn Kilometer landeinwärts errichtet werden. Für diese beiden Linien richtete die OT in Aurich zwischen Weser- und Emsmündung die Oberbauleitung ein. Um den Ausbau voranzutreiben, griffen Kaufmann und die OT auch auf KZ-Häftlinge zurück.
Am Bahnhof Georgsheil, etwa zehn Kilometer nordwestlich von Aurich, traf am 21. Oktober 1944 ein erster Transport mit etwa 500 KZ-Häftlingen ein. Die Häftlinge mussten einen zweistündigen Fußmarsch zurücklegen, bis sie die leerstehenden Baracken eines kleinen, nicht eingezäunten Lagers in der Nähe von Engerhafe erreichten. Die Hoffnung der Häftlinge auf ein besseres und nicht eingezäuntes Lager verflog jedoch schnell. Als erstes mussten sie eine später elektrisch geladene Umzäunung errichten.
Das Lager bestand aus sechs großen und zwei kleinen Baracken. Fünf der großen Baracken wurden als Häftlingsunterkünfte genutzt, zwei dienten in Teilen als Schreibstube und als Revier. Das Lager war ursprünglich für 300 bis 500 Menschen ausgelegt. Weitere Transporte nach Engerhafe führten jedoch zu einer Belegung des Lagers mit etwa 2000 Häftlingen, was katastrophale Lebensbedingungen zur Folge hatte.
Die größte Gruppe unter den Häftlingen bildeten Polen, gefolgt von weiteren Nationalitäten. In Aurich gab es auch eine größere Anzahl jüdischer Häftlinge, meist aus Litauen, aber auch aus Polen und Frankreich. Außerdem befanden sich Häftlinge aus Frankreich, Belgien, Lettland, der Sowjetunion, Italien, Spanien und der Tschechoslowakei hier.
Der Tagesablauf begann mit dem Wecken um vier Uhr. Zur Arbeit verließen die Häftlinge täglich das Lager um sechs Uhr. Marinesoldaten führten sie zur etwa zwei Kilometer entfernten Bahnstation Georgsheil, von wo sie in Viehwaggons nach Aurich fuhren. Sie marschierten dann durch die Stadt zu ihren Arbeitseinsatzorten. Später wurden sie außerhalb der Wohngebiete zur Arbeit geführt, da sich Beschwerden der Bevölkerung über den Anblick der ausgehungerten Häftlinge häuften.
Die Häftlinge wurden schon im Lager in Gruppen zu je zehn bis 15 Mann eingeteilt, die jeweils von einem Kapo beaufsichtigt wurden. Die Hauptarbeit bestand im Ausheben von Panzergräben und anderen Stellungen. Einige Häftlinge gruben Löcher, die später für Stellungsbunker genutzt werden sollten. Um die arbeitenden Häftlinge stand eine Postenkette von Marinesoldaten. Nach Aussagen ehemaliger Häftlinge war diese sehr aufmerksam, weshalb es zu keinen Fluchtversuchen kam.
Insbesondere die Häftlinge, die unten in den Gräben arbeiten mussten und dabei meist knietief im Wasser standen, litten unter den anstrengenden Arbeiten. Immer häufiger fielen Häftlinge während der Arbeit um. Man schloss sie in einem nahe gelegenen Schuppen ein. Anfangs mussten ihre Mithäftlinge sie am Ende des Arbeitstages, ob tot oder lebendig, mit zurück ins Lager transportieren. Später wurde ein Karren des lokalen Bauunternehmers Frerichs genutzt, um die entkräfteten Häftlinge zu transportieren.
Die körperlich schwere Arbeit, die geringen Essensrationen und das schlechte Wetter führten schnell zur Schwächung der Häftlinge. Bald gab es die ersten Toten, die neben der Friedhofsmauer in Engerhafe begraben wurden. Bis zur Auflösung des Lagers wurden 188 Häftlinge dort beerdigt. Innerhalb von zwei Monaten war etwa jeder zehnte Häftling gestorben. An gewaltsame Todesfälle erinnerte sich kein Häftling. Die Zahl der schwerkranken Häftlinge war hoch.
Am 15. Dezember 1944 verließ ein Transport mit etwa 500 kranken Häftlingen Aurich in Richtung Neuengamme. Eine Woche später wurde das Lager aufgelöst, da die Verteidigungsanlagen fertiggestellt worden waren. Etwa 1200 Häftlinge wurden in das Stammlager zurückgebracht.
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Aurich gegen Kommandoführer Erwin Seifert wurden ergebnislos eingestellt.
Das in den fünfziger Jahren angelegte Ehrenfeld für 188 verstorbene Häftlinge auf dem Friedhof in Engerhafe wurde 1989/90 durch einen Gedenkstein mit Namenstafeln ergänzt.