28/04/2026
Trajektorien (=Luftbahnen) sind in der Meteorologie die Bahnen, die ein einzeln betrachtetes Luftpartikel in einem gewissen Zeitraum durchläuft. Das wurde spätestens in den 1980er Jahren standardmäßig beim DWD aus den Windfeldern der Prognosemodelle und dem Bodendruck berechnet. Im Archiv haben wir z. B. eine solche Karte aus dem Jahr 1992 (rechter Bereich der Abbildung), die Rückwärts-Trajektorien zeigt.
Durch die Berechnung von Trajektorien lässt sich u.a. die Herkunft und die weitere Verfrachtung von Lufteigenschaften (z. B. Feuchtegehalt, aber auch Luftverunreinigungen) bestimmen.
Rückwärts-Trajektorien helfen bei der Betrachtung, woher kommt etwas, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer deutschen Ort ankommt (im Beispiel Offenbach, Leipzig, Stuttgart, München).
Vorwärts-Trajektorien können ähnlich zeigen, wo etwas von einem Punkt aus mit der modellierten Luftströmung hingetragen wird.
Für „Luftverunreinigungen“ und Vorwärts-Trajektorien gab es vor 40 Jahren auch einen besonderen Anlass, der jetzt in den Medien eine große Rolle spielte und der zum Thema passt:
40 Jahre Tschernobyl – und die Bedeutung verlässlicher Daten
Unter dieser Überschrift schrieb der DWD jüngst auf LinkedIn:
„Der 26. April 1986 hat sich ins kollektive Gedächtnis Europas eingebrannt. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war mehr als ein technisches Versagen – sie war ein Moment, in dem Unsichtbares plötzlich zur realen Bedrohung wurde.
Radioaktive Partikel verbreiteten sich über den Kontinent. Grenzen spielten keine Rolle. Was blieb, war Unsicherheit - und die dringende Frage: Wie erkennen wir Gefahr, die wir nicht sehen können? Ein entscheidender Teil der Antwort kam - und kommt bis heute - vom Deutschen Wetterdienst (DWD).
Doch schon in den ersten Tagen nach der Katastrophe zeigte sich, wie essenziell auch internationale Zusammenarbeit ist:
Erhöhte Radioaktivität wurde Ende April 1986 zunächst in Skandinavien festgestellt - unter anderem in Schweden, Finnland und Norwegen, noch bevor die Sowjetunion den Unfall offiziell bestätigte. Deutschland und die nordischen Länder arbeiteten damals bereits informell eng zusammen und bildeten das, was als „Ring of Five“ bekannt wurde - ein Netzwerk von Expertinnen und Experten aus Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Dieses Netzwerk entwickelte sich aus genau diesen frühen Messungen und der gemeinsamen wissenschaftlichen Auswertung der radioaktiven Wolke.
Der DWD spielte dabei eine zentrale Rolle:
- durch Messungen von Radioaktivität in der Umwelt
- durch Ausbreitungsrechnungen der radioaktiven Wolke
- durch die Bereitstellung belastbarer Daten in einer Zeit großer Unsicherheit
Nach Tschernobyl wurde das Radioaktivitätsmessnetz in Deutschland massiv ausgebaut: von 12 auf 26 Stationen auf dem Gebiet der BRD. Gleichzeitig hielt eine neue Generation von Messverfahren Einzug: Mit moderner Gammaspektrometrie konnten erstmals verschiedene Radionuklide wie Cäsium-137 und Iod-131 gleichzeitig und präzise bestimmt werden.
Tschernobyl hat gezeigt, wie verletzlich unsere hochtechnisierte Welt ist – aber auch, wie entscheidend Wissenschaft, Messnetze und internationale Kooperation sind, um Risiken zu verstehen und Menschen zu schützen.
40 Jahre später gilt mehr denn je: Verlässliche Daten sind keine Selbstverständlichkeit. Sie sind die Grundlage für Vertrauen“.