18/07/2024
Vor 100 Jahren:
Erstmals soll in Versmold eine Bebauung nach Plan erfolgen
Von Rolf Westheider
Will jemand bauen, ist es heutzutage selbstverständlich, bei der Verwirklichung des Bauvorhabens einen Bebauungsplan einzuhalten. Bis vor 100 Jahren gab es solche Richtlinien nicht und jeder Bauherr setzte seinen Plan je nach Lage und Größe des zu bebauenden Grundstücks um. Das Versmolder Hinterdorf war das beste Beispiel für die Folgen einer solch planlosen Bebauung. So konnte es vor allem angesichts des zunehmenden Straßenverkehrs nicht weitergehen.
Schon 1911 wurde von dem Regierungslandmesser Ewald Munscheid aus Bielefeld ein Bebauungsplan auch für Versmold vorgeschlagen, denn, so argumentierte er, "bei der immer weiter sich entwickelnden Bauthätigkeit in Versmold dürfte es wohl angezeigt erscheinen, daß die Bebauung des Stadtgebietes frühzeitig in geordnete Bahnen gelenkt wird." Ein solcher Bebauungsplan müsse sich "eng an die jeweiligen örtlichen Verhältnisse anpassen, um den Ansprüchen des Verkehrs, einer günstigen Geländeauftheilung, eines gesunden und angenehmen Wohnens gerecht zu werden." Der Erste Weltkrieg verhinderte das Zustandekommen einer städtebaulichen Planung, die erst wieder nach der Überwindung der Inflation im Jahre 1924 in Angriff genommen wurde. Bis dahin ruhte auch die Bautätigkeit.
Bauland war in Versmold stets knapp. Der Ortschronist Vinke machte dafür die Neigung der Versmolder verantwortlich, ihre Grundstücke lieber landwirtschaftlich zu nutzen, als sie für Bebauungszwecke zur Verfügung zu stellen. Er hatte wenig Verständnis dafür, dass so viele Bürger sich der Landwirtschaft als ihrem Hobby widmeten. Dies hätte eine raschere Entwicklung des Ortes verhindert. Als größte innerstädtische Ausdehnungsmöglichkeit hatte man schon lange auf das zwischen der Ravensberger Straße und dem Stadtpark gelegene Gebiet geschielt, das sich gut als Siedlungsgelände eignete. Wohnraum wurde wegen der zahlreichen Familiengründungen nach dem Ende des Weltkrieges dringend benötigt. Am 17. Juli 1924 genehmigte die Stadtvertretung den Ankauf des in der Gabelung der Ravensberger mit der Mühlenstraße gelegenen Grundstücks vom Landwirt Albrecht Delius. Delius, der im heutigen Verwaltungsgebäude des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland residierte, war Eigentümer eines großen Teils der späteren "Neustadt". Er hatte die meisten seiner Grundstücke von Bettmann, dem früheren Müller auf Caldenhof, erworben. Wegen der Wohnungsnot sah sich auch die Stadt verpflichtet, tätig zu werden. Erstmals wurde sie Bauherr eines Vierfamilienhauses, mit dessen Errichtung am 13. September 1924 auf dem ehemaligen Delius'schen Grundstück begonnen wurde. Die Bauleitung oblag dem Haller Architekten August Schlienkamp (1885-1947). Zwischenzeitliche Planänderungen verursachten erhebliche Baukostensteigerungen, weswegen im Volksmund schnell die Bezeichnung des Hauses als "Handwerker-Erholungsheim" die Runde machte.
Da schon mehrere Bauwillige Grundstücke im Gebiet zwischen Ravensberger Straße und Stadtpark erworben hatten und wiederum eine ziemliche Regellosigkeit der Bebauung drohte, beschloss die Stadtvertretung am 24. Oktober 1924 ein Umlegungsverfahren für das fragliche Gebiet mit Ausnahme der Delius'schen Grundstücke. Baufluchtlinien wurden festgelegt, um eine sinnvolle Straßenführung zu gewährleisten. Die Durchführung der Umlegung wurde einer Kommission der Westfälischen Planungsstelle für Siedlungswesen in Münster, einer Behörde der Westfälischen Heimstättengesellschaft, übertragen. 1932 wurde die Versmolder Umlegungskommission nach Dortmund verlegt. Die gesetzliche Grundlage bot das sogenannte "Lex Adickes". Es war benannt nach Franz Adickes (1846-1915), der als fortschrittlicher Kommunalpolitiker und Oberbürgermeister von Frankfurt am Main schon vor dem Ersten Weltkrieg die Umlegungsrichtlinien entwickelt hatte.
Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig und waren erst Anfang der 30er Jahre abgeschlossen. Man war es nicht gewöhnt, ein Grundstück gegen ein anderes einzutauschen. Die Maßnahmen waren unpopulär, verursachten manche Verärgerung bei den Betroffenen, weil sich viele übervorteilt fühlten, und kosteten noch dazu der Stadt eine Menge Geld. Anders aber wäre es nicht möglich gewesen, die Grundstücke nach den geplanten Straßenzügen Parkstraße, Hopfengarten und Mühlenstraße auszurichten. Nach der Neuverteilung setzte eine rege Bautätigkeit ein, ein neues Stadtviertel entstand. Es war das erste Siedlungsgebiet in Versmold, das nach modernen und im Wesentlichen noch heute gültigen Richtlinien und Bauvorschriften entstand. Auch Namen dafür waren schnell wieder gefunden: Manche nannten es "Kettmannshoop", weil der damalige Bürgermeister Walter Kettmann die Umlegungen veranlasst hatte, andere sprachen vom "Hypothekenviertel". Später bezeichntete man das Neubaugebiet in Versmold nur noch als Neustadt. Dabei blieb es bis heute.