25/11/2025
📖 👉 Der geheimnisvolle Mauerschläfer
Im kleinen Bergdorf Untermoos gab es viele Legenden: von tanzenden Ziegen, sprechenden Brunnen und einem Bäcker, der angeblich immer nur arbeitete. Doch keine Geschichte wurde so gern erzählt wie jene vom mysteriösen Mauerschläfer.
Er tauchte meist zur Mittagszeit auf — ein Mann in einfacher Kleidung, der sich an die alte Steinmauer beim Marktplatz lehnte, die Arme verschränkt, den Hut tief ins Gesicht gezogen. Niemand wusste, woher er kam. Manche behaupteten, er sei ein wandernder Ritter. Andere schworen, er sei ein Zeitreisender, der einfach eine Pause zwischen zwei Jahrhunderten brauchte. Das Seltsamste war jedoch: Er schlief IMMER. Egal ob Dudelsackspieler übten, Händler stritten, Kinder schrien oder der Schmied wieder einmal versuchte, sein Amboss neu zu erfinden — der Mauerschläfer saß da, döste und wirkte dabei vollkommen unerschütterlich.
Eines Tages beschlossen die Dorfbewohner, dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Sie stellten Wachen auf, die ihn beobachten sollten. Doch jedes Mal, wenn er aufwachte, streckte er sich nur, klopfte sich den Staub ab, murmelte etwas wie „Hach… Mauerschlaf ist der beste Schlaf…“ — und verschwand um die Ecke. Kein Mensch wusste, wohin. Bis eines Abends ein mutiger Bäckerlehrling ihm folgte. Er sah den Mann um eine Kurve biegen, an der Mühle vorbeigehen… und direkt in der Mauer verschwinden. Der Junge traute seinen Augen nicht. Am nächsten Tag erzählte er die Geschichte. Alle lachten — bis sie denselben Mauerschläfer zur Mittagszeit wieder an der Mauer sitzen sahen… als wäre nichts gewesen.
Seitdem munkelte man im Dorf, er sei der Wächter der Mauern, ein uralter Beschützer, der nur durch Dämmerschlaf aufgeladen werden musste. Manche meinen sogar, wenn die Mauer nachts knarrt, sei es eigentlich nur er, der sich drinnen umdreht.
Doch eine Sache ist sicher: Solange der Mauerschläfer da ist, fühlt sich Untermoos ein kleines bisschen sicherer.