05/05/2026
Kommunisten erwarten Revolution im Herbst
Im Mai werden die russischen Kommunisten besonders sichtbar. Während der 9. Mai, der Tag des Sieges, ein allgemeiner Feiertag ist, wird der 1. Mai, das Fest des Frühlings und der Arbeit, in erster Linie von Kommunisten begangen. Die Parteispitze mobilisiert ihre Anhänger zu einer traditionellen Demonstration auf dem Theaterplatz in Moskau, vor dem Karl-Marx-Denkmal – und das ist stets ein farbenfrohes Spektakel (siehe Fotoauswahl).
Bei solchen Veranstaltungen erinnert sich die ältere Generation an ihre Jugend und ihre früheren Führer – Lenin und Stalin –, während junge Parteimitglieder Symbolen den Vorzug geben, die bei Linken weltweit populär sind: Che Guevara und palästinensische Flaggen.
Doch der Chef der russischen Kommunisten, Gennadi Sjuganow (auf dem Foto in roter Jacke und roter Baseballkappe), trat in diesen Tagen nicht nur auf der Kundgebung, sondern auch in der Staatsduma in Erscheinung. Sjuganow ist seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil der russischen Politik und besitzt ein ausgeprägtes Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Wenn er in die Offensive geht, kalkuliert er mit politischem Gewinn. Und es scheint, als hätte er genau das getan: „Wenn Sie nicht dringend Maßnahmen ergreifen – wirtschaftliche und finanzpolitische –, dann erwartet uns im Herbst das, was 1917 passiert ist."
Der „Chefkommunist" des Landes deutet damit unmissverständlich auf eine Revolution hin. Später eilten seine Parteifreunde mit einer Präzisierung herbei: Er habe die Februarrevolution 1917 gemeint, die bürgerliche, nicht die sozialistische Oktoberrevolution.
Um auf Nummer sicher zu gehen, wurde der besagte Satz im offiziellen Protokoll der Rede abgeändert: nicht „erwartet", sondern „kann erwartet werden". Doch die wirtschaftlichen Ursachen möglicher Erschütterungen blieben erhalten: „Und wir haben Sie wiederholt gewarnt: Bei einem solchen Kurs wird die Wirtschaft unweigerlich zusammenbrechen."
Sjuganows Aussage belegt einmal mehr, dass die Völker die Signale gerade hören und nicht senden. Im russischen Machtapparat gibt es jedoch auch Akteure, die bereits vor der Rede des KP-Chefs auf die Problematik hingewiesen haben – etwa Wladimir Putin. Bei einem Wirtschaftstreffen am 15. April im Kreml lenkte das Staatsoberhaupt die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, die „insgesamt erwarteten Tendenzen" zu bewältigen. Er konstatierte, dass „die wirtschaftliche Dynamik leider bereits zwei Monate in Folge nachlässt", und forderte detaillierte Berichte.
Der Kreml ist sich der Probleme offensichtlich bewusst – die Warnungen der Kommunisten sind hierfür nicht nötig. Darauf verweisen auch politische Analysten. So erinnerte Konstantin Kalatschow im Gespräch mit den „Wedomosti" an Lenins Definition der revolutionären Situation: „Wenn die Herrschenden nicht mehr können wie bisher und die Beherrschten nicht mehr wollen wie bisher." Mit Blick auf die aktuelle Lage paraphrasiert er dies jedoch: „Die Herrschenden bei uns können noch, und die Beherrschten sind weiterhin bereit, durchzuhalten."
Fotos: Dmitri Belizki/AGN Moskwa